Tarek Dzinaj


Biographie:
Tarek Dzinaj wurde 1962 in Landstuhl geboren; er verbrachte seine Kindheit bis zum elften Lebensjahr in Istanbul, lebte danach in Hanau. Er erkrankte an Kinderlähmung, war nach seiner Ausbildung niedergelassener Arzt in Berlin. Seit 1997 schrieb Tarek Dzinaj Erzählungen, die in verschiedenen Blättern abgedruckt wurden.

Sein literarisches Debüt erzählt auf kecke Weise die kleineren und größeren Unternehmungen und Abenteuer einer deutsch-türkischen Freundes-Clique. Dabei wird die Achse Frankfurt - Istanbul amüsant illustriert, einzelne Figuren schildern sowohl Aspekte deutscher wie auch türkischer Lebensform und Mentalität, und immer wieder entstehen aus den kleinen Unterschieden in den Auffassungen und Betrachtensweisen sympathische Dialoge und neue Weltsichten. Das Buch ist in salopper jugendlicher Sprache erzählt, burleske Situationen wechseln sich mit vergnüglichen Begegnungen ab, und Tarek Dzinaj destillierte aus alledem mit leichter Hand philosophische Erkenntnisse über die Lebensformen in der Generation der 25- bis 35-Jährigen, die mit zwei Heimaten aufwuchsen.

Am 9. Mai 2004 starb Tarek Dzinaj auf einem Rückflug aus Istanbul an Herzversagen.


müde

Roman

144 Seiten, 13 Euro, 3-929232-68-5

Reihe ETIKETT

 

NACHRUF

Zum Tod von Tarek Dzinaj

Der Autor und Arzt Tarek Dzinaj ist tot. Am vergangenen Montag starb Dr. med. Tarek Dzinaj auf einem Flug von Istanbul nach Berlin an einem Herzversagen.

1962 in Landshut als Sohn deutsch-türkischer Eltern geboren, hatte er seine Kindheit in Hanau und Istanbul verbracht, studierte dann in Frankfurt am Main Medizin. Im Anschluß an das Studium ließ er sich als Praktischer Arzt in Berlin nieder.

An den Autor des Romans "müde" und zahlreicher vergnüglich skurriler Erzählungen als an "Dr. med. Tarek Dzinaj" zu denken, ist fast ungebührlich seriös: Wer den Autor Tarek Dzinaj in einer Lesung erleben konnte, die er vorzugsweise mit dem Gitarristen Georg Krostewitz (Frankfurt) absolvierte, der wird auch erlebt haben, wie seine Lustigkeit anstecken konnte: Mindestens einmal kam er in jeder Lesung an eine Stelle, in deren burleske Komik er sich lesend so hineinsteigerte, daß er schier nicht weiterlesen konnte vor Lachen. Ein keckerndes Lachen, das sich zügellos ins Lauthalse steigern konnte. Er schaute dann gerne fragend in sein Publikum, verblüfft, daß man seine Belustigung über die Schrullen seiner Figuren nicht teilen wollte. Wenn er aber schließlich weiterzulesen fähig war, dann ging dies eben doch nicht – weil das Publikum sich inzwischen so sehr von seinem Lachen und Kichern hatte anstecken lassen, daß für Minuten kein Vorankommen mehr war.

Seine ersten Prosatexte druckten die ihm seit Jugendtagen befreundeten Herausgeber der Zeitschrift "Büch(n)er" ab. Parallel schrieb er an Episogen über eine fetzige Clique deutsch-türkischer Jugendlicher, die ihren Schabernack zwischen Istanbul und Frankfurt trieben – Erzählungen, die noch nicht das Cliché der kurz darauf unter dem Label "Kanaksprach" erfolgreich gewordenen türkisch-deutschen Literatur nutzten. Tarek Dzinaj hatte vielmehr hellste Freude an jenen Eigenwilligkeiten seiner lebenshungrigen Figuren, die von den generellen Befremdlichkeiten provoziert werden, wie sie offenbar jedes  Individuen gegenüber der sie umgebenden Gesellschaft empfinden muß. Diese Episoden faßte er schließlich in seinen Roman "müde" zusammen.

Tarek Dzinaj war nach einer Kinderkrankheit schief gewachsen, eher klein, aber "ein Kerl mit ziemlich breitem Kreuz", würde er wohl gesagt haben. Den Schalk hatte er vielleicht in so großem und gewinnendem Ausmaß in seinen Augen, weil er den Moment erster Begegnungen mit ihm zu überbrücken gelernt hatte, der bei vielen aus Betretenheit aufgrund seiner Behinderung einerseits, Verunsicherung über seine kräftige Statur andererseits kam. Man durfte den Eindruck haben, daß es ihm eine diebische Freude machte, Menschen mit seinem Lachen und seiner Freundlichkeit zu gewinnen. Er hat viele gewonnen. Er ist uns schmerzlich verloren.