Was da war, vorab im Überblick:

Vor der Verlagsgründung
Die Gründung des Verlages
Finanzierung und Programmatik – oder umgekehrt?
Ins zweite Jahr
Ein Meilenstein
Eine erste Krise
Die Verlagsgesellschaft – klein, aber beherzt
Belletristische Riesen und Groß-Sponsoren
Ein erster »Seller«
Herausforderungen sind die beste Unterhaltung! Deshalb: Junge Literatur!
Die Wiedererlangung eines gewissen Glücksgefühls
Geliebte im Eigenen Haus
Der Börsengang …
… und es kommt noch besser
Kiosk Dielmann
Im Mai 2001 Prager Buchmesse
2003: Zehnjähriges
Der Puff der Buchmesse
Die Erfindung der Schwäbischen Broschur
Ausblicke aus dem Erker
Ein großes Thema, ein Brückenschlag
Weitere Volten, bitteschön!

(aktualisiert am 16.10.2006)

Vor der Verlagsgründung

Im Jahr 1982 entsteht die Literaturzeitschrift SCHRITTE: Gedichte sollen an Leser gebracht werden, was die Frage aufwirft, wo denn Leser für Lyrik zu finden sein könnten – wo man sie mit dichten Zeilen und geballten Strophen einfangen könnte.

Die Grundidee: In Kaffeehäusern, damals in vielen Studentenvierteln noch nicht durch »Bistros« und sonstige In-Kneipen abgelöst, sitzt man gerne längere Zeit im Kaffeehaus und läßt sich treiben – genau der richtige Ort, um eine packende Lektüre zur Hand zu nehmen. Anders gesagt:

Ein DIN A 3 großes Blatt entsteht, zunächst mit nur 13 Inhaltsseiten, fotokopiert (was, man möchte es kaum glauben, damals im Format DIN A 3 noch eine echte technische Herausforderung war), auf dem Titel ein originaler Linolschnitt von Detlef Schumacher, eingespannt in selbstgezimmerten Zeitungshaltern – so hängt die Zeitschrift mit 13 Gedichten in insgesamt 43 Frankfurter Kaffeehäusern.

Das Seltsame geschieht: Es wird nach Fortsetzungen, nach Abonnements, nach der Möglichkeit, Beiträge einzureichen gefragt – so wird aus dem Versuch, Leser an einem Ort der Lektüre für einige wenige Gedichte zu begeistern, ein Periodikum.

Unregelmäßig vierteljährlich erscheint die Zeitschrift SCHRITTE nun 4 Jahre lang mit kopiertem Inhalt, die Original-Titel stammen von so unterschiedlichen Künstlern und Literaturfreunden wie Brigitte Kottwitz und Hans-Jürgen Dietz, Walter Diewock und Ilya Vassiliev. Der Redaktion gehören zunächst der inzwischen leider verstorbene Dichter Rolf Werner Kunz (Seien Kunzen / kein Verhunzen … keinesfalls) und Stefan Klamke an, später der Lyriker und Kritiker Klaus Hensel, heute beim HR Fernsehen tätig, und Thorsten Casmir, der leider ebenfalls verstorbene Romancier.

Erster Sponsor ist dabei die Firma Ricoh-Minolta: Sie gibt in ihrer Frankfurter Zentrale die DIN A 3-Kopie für nur 10 Pfennige ab – ein Spottpreis für die großen Kopien, die damals zumeist noch das Fünf- bis Achtfache kosteten.

Nach einer Pause erscheint SCHRITTE 1992 erneut, jetzt gedruckt. Bei diesem zweiten Erscheinen der SCHRITTE sind es nicht mehr nur rund 100 Cafés in Frankfurt am Main, die zuletzt bestückt wurden, sondern knapp 1.400 Kaffeehäuser und Bistros in 14 Großstädten von Hamburg bis München werden versorgt. Dies wurde möglich durch einige Sponsor-Partner wie Honda Deutschland GmbH und Deutsche Post (Schreib mal wieder war ein feiner Slogan für eine Anzeige in einer Literaturzeitschrift und bescherte uns ganze Waschkörbe voll Gedichtzusendungen ...), welche den Vertriebsweg und die »Multiplikation« durch den Aushang in Cafés zu schätzen wußten. Beigetragen zum Gelingen dieses Konzeptes hatte sicher die Tatsache, daß Hilmar Hoffmann, Kulturdezernent Frankfurts, der Zeitschrift einen großartigen Letter of Intent mit auf den Weg gab: Form und Inhalt machen die Eigenwilligkeit spürbar, die geschriebener Kunst wohl angemessen ist. Auch mit der Wahl des Weges zu den Lesern haben Sie eine gute Entscheidung getroffen. Als Journal, das im Café, Bistro und anderen Begegnungsstätten zum Lesen und Nachdenken einlädt, gelangen Ihre »Schritte« in geeigneter Atmosphäre an das richtige Publikum. Kunstvoll und eindrucksstark zugleich, vermag Ihre Zeitschrift auch dort dauerhafte Aufmerksamkeit zu wecken, wo andere Blätter im Wust der Kurzlebigkeit versinken.

Die Gründung des Verlages

Die Konsequenz aus dem Erfolg der SCHRITTE ist die Gründung des axel dielmann – verlags. Vor dem offiziellen Einstieg in die Branche stehen sechs Gespräche, die mit zu den schönsten und freundlichsten Erinnerungen zählen, die man überhaupt entlang einer Firmengeschichte haben kann: Die Idee, zunächst einmal »alte Hasen« danach zu fragen, was alles man falsch machen und wie man es richtig(er) machen könnte, führt zu der Überlegung, einige Verlagsmenschen nach Rat zu fragen. Sechs schätzenswerte Vorbilder lassen sich darauf ein, vom Greenhorn Axel Dielmann zu einem Abendessen eingeladen zu werden und sich dafür Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Unvergeßlich der schmackhafte Abend mit Vitorio Klostermann (vom gleichnamigen Verlag) im Lobster und mit Christian Döhring, damals noch bei Suhrkamp, in der Café Bar (inzwischen unser Nachbar am neuen Verlagsstandort!), die viel Hilfreiches erzählen, prima Tips geben, heikle Klippen formulieren. Herzlichen Dank an sie, die bereitwillig Ihre Erfahrungen weitergegeben und schon allein dadurch Mut gemacht haben!

Zunächst firmierte der Verlag nun unter dem Namen »Schritte Verlag Axel Dielmann«, den aber Jürgen Lentes als damaliger Geschäftsführer der Huss'schen Universitätsbuchhandlung Frankfurt und Alban Nikolai Herbst als einer der ersten Autoren des Verlages in langen Gesprächen und in dreisten Nachttelefonaten wegempfehlen (herzlichen Dank noch nachträglich an beide!). – Der Verlagssitz ist in der Eckenheimer Landstraße 57, dritter Stock, wo der Verlag zunächst eines, rasch aber zwei der drei Zimmer der Wohnung einnimmt.

Am 3. Mai 1993 wird in der Huss'schen Buchhandlung mit einer kleinen aber feinen Fete (…) dieser kleine aber feine Verlag aus der Taufe gehoben (az andere zeitung, 29.05.1993) – einige Augenzeugen wollen wissen, daß noch morgens gegen 3 Uhr wild in die Regale gegriffen und aus Brecht, Ringelnatz, Homer und Herbst zitiert worden sei, in dieser Konstellation kaum glaubhaft, aber verläßliche Aussagen lassen sich nicht mehr auftreiben, zumal wieder andere Zeitzeugen vermelden, gegen 4 Uhr sei eine kleine, standfeste Abordnung zur Durchforstung von Bockenheim und Westend auf Spirituosen und Wein entsandt worden ... (Der von Wolfgang Schopf nach diesem Abend verfaßte »Erlebnisbericht« Kiesstraße 41 ist ein erstes Dokument, das – Nur der Buchhändler hat Angst um seine Bücher, betrunkene Gäste könnten Gläser darauf stellen. Schließlich betrinkt er sich selbst und kann dann Verständnis aufbringen – im Safe-Bezirk des Verlagsarchives verwahrt wird, und so bleibt es!)

Sieben Titel werden zu Beginn veröffentlicht, darunter das Buch Wolpertinger oder Das Blau von Alban Nikolai Herbst, das mit seinen 1.024 Seiten und allein einem Dreivierteljahr Lektorat ein Wahnsinnspilotunternehmen darstellt. Aber die Jahre mit SCHRITTE waren eine gute Schule, für alle Arten von Lektorat!

Finanzierung und Programmatik – oder umgekehrt?

Und noch in anderer Hinsicht waren die SCHRITTE höchst anregend: Die Finanzierung des Verlags wird – bei einer anfänglichen Kapital-, nein, nicht -Decke, sondern eher -Tüchlein – in Anlehnung an die Kooperationen von SCHRITTE mit Sponsoren möglich, nämlich durch die Einrichtung einer einzigartigen Buch-Reihe, der »Reihe ETIKETT«.

Diese startet mit dem Titel Die Orgelpfeifen von Flandern, ebenfalls von Alban Nikolai Herbst. Das Besondere ist die Einführung von Sponsoren in die Buchproduktion. Die Deutsche Bahn unterstützt das Buch finanziell und erhält im Gegenzug die Titelseite als Werbefläche – Die Orgelpfeifen von Flandern werden von einer original Bahnfahrkarte für die Strecke Frankfurt – Paris geprägt, womit sogleich der Bezug zum Text hergestellt ist, der entlang eben jener Reisestrecke in die Novelle hineinführt ...

Stellt die »Reihe ETIKETT« das Standbein dar, so kann die entstehende 16er Reihe als Spielbein des Verlags bezeichnet werden: Von Hand fadengeheftete Bändchen von 16 bis 48 Seiten Umfang bieten Freiraum für experimentelle literarische Ausflüge und räumen Manfred Riepes »biestiger, wüster Splatter-Punk-Literatur« ebenso Platz ein wie dem klassischen Krankenbericht von Goethes letztem Leibarzt Dr. Carl Vogel aus Weimar, Die letzte Krankheit Goethe's. Dem zur Seite steht im ersten Programm Gustav Jacobsens 16er-Bändchen Die Limousine über seine Pendelei zwischen Frankfurt und San Francisco und eine bewegende Hommage an seinen sterbenden Vater. Und Berthold Dirnfellner schickt Robert Schumanns Silvesternacht am Rhein als 16er ins Rennen.

Programmatisch steht im Verlag das Buch von Guilio Einaudi, dem großen italienischen Literatur-Verleger, dessen Verlagsgeschichte im axel dielmann – verlag erscheinen kann. Eine große Ehre! Mit seinen 300 Seiten ist der Band Giulio Einaudi im Gespräch, den Beate Dirnfellner übersetzt, beinahe ein Handbuch für das Verlegen von anspruchsvoller, neuer Literatur, und en passant ein wesentliches Stück Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts: Bei Einaudi sind die meisten der großen italienischen Schriftsteller der zweiten Jahrhunderthälfte zuhause gewesen, richtungweisende Überlegungen für Italien wie für Europa wurden hier diskutiert und gedruckt, die schillerndsten Persönlichkeiten der Nachkriegszeit und der späteren Jahre trafen hier zusammen und / oder aufeinander.

Ich glaube allerdings, daß nicht nur der Einaudi-Verlag, sondern alle kulturell anspruchsvollen Verlagshäuser nur deshalb wachsen und sich festigen konnten, weil ihre wichtigsten Mitarbeiter bereit waren, viele Opfer zu bringen und jene Risiken einzugehen, die eine schwierige Arbeit mit sich bringt. Ich sage schwierig, denn solange derartige Verlage sich noch nicht am Markt bewährt haben, ziehen sie kein Kapital an und müssen sich ihre Zukunft ausschließlich über die Gunst des Publikums erschaffen. Man ist also in der schwierigen Lage, den Anreiz, es gut zu machen, immer höher anzusetzen, und gut nicht nur bei der Auswahl der Texte, sondern auch im Satzbild – in der Kunst, das Veröffentlichte auch bekannt zu machen, letztlich: in der Kunst der sozialen Beziehungen!

Am 29. September 1993 wird das von der Bundesbahn als Sponsor begleitete Buch Die Orgelpfeifen von Flandern zur Plattform einer recht eigenwilligen Veranstaltung: Auf der Strecke Frankfurt – Paris liest Alban Nikolai Herbst aus der Novelle. In einem 1. Klasse-Wagen ist ein Barhocker anmontiert worden, per Mikrofon und Bordlautsprecher-Anlage wird die Lesung im gesamten EuroCity übertragen. Vier Rundfunkjournalisten und sieben Reporter von Printmedien reisen mit. – Im Zug sind derweil zwei Mitarbeiterinnen unterwegs und verkaufen Die Orgelpfeifen von Flandern und andere Bücher des noch schmalen Verlagsprogramms aus eigens gezimmerten Bauchläden. Ein riesiger Spaß, und ein großartiger Erfolg!

Höchst beziehungsreich und lebendig geht es in der Folge auch im axel dielmann – verlag zu, nämlich bei der Mammut-Tour des Wolpertinger-Romans: In 33 Lesungen an verschiedenen Plätzen Frankfurts liest Alban Nikolai Herbst seinen Roman Stück um Stück vollständig vor. Dabei sind die Plätze der Lesungen so ausgewählt, daß sie zu dem jeweils gelesenen Kapitel oder Abschnitt passen: Kommt der Protagonist Hans Erich Deters am Bahnhof an, so liest Herbst im Bahnhofsrestaurant, verschlägt es Deters in eine Disko, so findet die Lesung in einer solchen statt, landet der Held endlich im berüchtigten Hotel Wolpertinger, so ist die Veranstaltung im hinreißenden Hotel Nizza in der Elbestraße, kommt der dickleibige Broker Dr. Elberich Lipom ins Spiel, so trägt sich die Lesung im Reuters-Saal des Hochhauses der Broker Brudencial Bache zu ...

Das Spektakel, das alle Branchengewißheiten Lügen straft (mehrere Lesungen mit ein und demselben Autor innerhalb kurzer Zeit in ein und derselben Stadt – das klappt nie!), ist ein Erfolg. Es gibt Wiedergänger und Fans der Serie, so daß der Plan reift, das Ganze in Berlin zu wiederholen. – Hier ist die Veranstaltungs-Konkurrenz größer als in Frankfurt, aber für Frühjahr 1994 kommen alle 33 Orte für die zweite Tour zusammen, passend wiederum zum jeweiligen Lesestoff.

 

Ins zweite Jahr

Das Jahr 1994 beginnt mit der Vorfreude auf das Buch Ohnsgrond. Ein wüster Roman, der auf einer fiktiven Insel vor der Küste Norwegens spielt. Thorsten Casmir, der ehemalige SCHRITTE-Mitkämpfer, ist sein Autor, der in dem Buch die gesamte Inselbevölkerung an Aids hinsiechen läßt und Ohnsgrond zur Allegorie auf den Globus macht, falls die Krankheit sich ausbreiten sollte. Ein schwarzes Buch, eine erschlagende Ladung Literatur.

Kurz nach Beendigung des Lektorats stirbt Thorsten Casmir, gerade 36 Jahre alt, an Aids. Er hat das Buch nicht mehr in der Hand haben können, es wird ihm am Ende gleichgültig gewesen sein, denn Thomas Hettche hat recht, wenn er in seinem Nachruf in der FAZ den Roman selbst zitiert mit: Die Sterbenden nehmen sich selbst, was sie brauchen bis zum Tod, und dann klarstellt: Den Toten aber hilft nur die Aufmerksamkeit der Lebenden!

Trotz dieses traurigen Ereignisses folgt eine regelrecht euphorische Zeit. Mit den Verlagen Gatza, Im Waldgut, Bruckner & Thünker entsteht die Kunden-, heißt Leser- und Buchkäufer-Zeitschrift aus-druck, die in hoher Auflage an die Buchhändler zur Weitergabe an die gemeinsame Kundschaft verteilt wird. – Zwar zeichnet es sich ab, daß die Zahl der Buchhändler, die ein unabhängiges, junges Verlagsprogramm pflegen werden, mehr als überschaubar ist, sogar in Schrumpfung begriffen ist – aber mit der mächtigen und grundlegenden Besprechung von Professor Kühlmann zum Wolpertinger in der Tiefdruck-Beilage (oh, selige Zeiten!) der FAZ beginnt die breite Wahrnehmung von Buch, Autor und Verlag.

Zum Wolpertinger-Roman kommt im Juni eines der herzigsten Faxe bei uns an: Der Buchhändler Samtleben, Buchhandlung im Literaturhaus Hamburg, ergänzt seine Bestellung zweier Exemplare des Dickleibers: »… Unser Zeichen: GAR / Versand Libri-Dienst oder Post normal / Eindruck: beachtlich! / Herzliche Grüße«. – Das beflügelt. Das ist zudem die Stelle, einmal allen Buchhändlerinnen und Buchhändlern zu danken, die sich um unsere Bücher und Autoren und das Programm bemühen. (Soll natürlich heißen: Weiter so! Auf gutes gemeinsames Gelingen!)

Leider ist es mit der zweiten Ausgabe des aus-druck dann vorbei mit dem gemeinsamen Blatt – zu schwierig ist die Finanzierung, zu unterschiedlich die Vorstellungen der beteiligten Verlage, zu vorsichtig, ja ängstlich der Gebrauch, den manche Buchhandlungen davon gegenüber der gemeinsamen Kundschaft machen. – Also geht das Werben um Leseraufmerksamkeiten in Form von möglichst originellen Lesungen weiter.

Ein Meilenstein

Derweil begeht die Stadt Frankfurt am Main ihre 1200-Jahr-Feier. Berthold Dirnfellner hat dazu Bitterblue / Frankfurt, literarisch vorgelegt, ein aufwendiger Band mit einem, wie Dirnfellner es nennt, verwilderten Essay, bestehend aus vielen literarischen Zitaten aus und über die Stadt am Main. Im einzigen literarischen Werk zur 1200-Jahr-Feier der Stadt werden mehrere hundert Autoren erwähnt und zitiert. Darunter auch viele unbekanntere Schriftsteller, junge Nachwuchsschreiber, die Dirnfellner entdeckte und im Literarischen Nachthimmel aufgehen ließ, schrieb die Frankfurter Rundschau – nur die Frankfurter selbst wollen davon nichts wissen, ergötzen sich an Bratwürstchen und Bierständen zum Jubelfest, und das Buch mit dem Hammering-Man auf dem Titel ist einer der heftigsten Flops der Verlagsproduktion. (Das Buch läßt sich aber immer noch gut zur Hand nehmen und bleibt ein feines Lehrstück darüber, wie Stadt funktioniert, sich abbildet, sich strukturiert im Auge des Einzelnen, im Verhalten der vielen, die ihre Bevölkerung bilden …)

Ein großer Erfolg dagegen: Als zweiter Sponsor begleitet die Alessi Deutschland GmbH das Buch von Thomas Schwab Ablauf der Dinge / 113 Dinggedichte. Und als dritter Sponsor gibt die Kroschke Sign International, Hersteller von Fluchtwegschildern und Arbeitsschutzkleidung, dem Collage-Roman fluchtweg von Adelheid Seltmann das Gesicht. – Beide Partner sind mehr an der Pressearbeit denn an gemeinsamen Veranstaltungen interessiert, aber durch die Partnerschaften mit Alessi und Bahn wird die Wirtschaftspresse auf die Reihe ETIKETT aufmerksam, und eine Serie von Berichten über das Konzept des Literatur-Sponsoring startet. werben & verkaufen führt aus: Für Dielmann, der seinen Zwei-Mann-Verlag 1993 mit dem bescheidenen Startkapital von 27.000 Mark gründete, hat sich das Sponsoring zu einer entscheidenden Finanzierungsquelle entwickelt. ... Kleine Verlage müssen sich mit der Machete einen Weg durch den Dschungel bahnen, um bestehen zu können. Und die WirtschaftsWoche sieht im Titel ihres Artikels ab: Neue Quelle!

Das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel führt dazu aus: Dielmann beschreitet neue geschäftliche Wege, um Bücher verbreiten zu können, die ihm Spaß machen.

Mit Einlassungen wie die beinahe kuriose Verbindung von Geschäftstüchtigkeit und Vernarrtheit in die Literatur trennt Dielmann von den meisten Verlegern (Frankfurter Rundschau) und Die Liste der Firmen, die sich inzwischen mit entsprechendem Logo auf dem Cover des Buches präsentieren dürfen, liest sich wie das Who is Who der deutschen Wirtschaft (Kultur News) ist das Konzept einer Buch-Reihe, die Literatur-Sponsoring sowohl als Finanzierungs- wie auch als Distributions- und Werbe-Methode nutzt, bestätigt worden und etabliert.

Um so leichter wird es, die Firma Carl Zeiss für eine Sponsorship der Anthologie Die Brille des Autors zu erwärmen: Und die Kooperation zahlt sich aus, denn bis 1995 wird das von Ulrich Faure herausgegebene Buch an die 12.000 mal verkauft, ein starkes Highlight in der Reihe ETIKETT.

Wigand Lange übersetzt in der 16er Reihe Henry Fieldings frechen Essay über Nichts.

Weitere eigenwillige Lesungen ziehen Leser und Neugierige an. So lesen Berthold Dirnfellner, Daniel Böhmer (in Vertretung seines Vaters Paulus), Martin Bullinger und A. Dielmann (Goethes letzten Leibarzt Dr. Carl Vogel vertretend – wo fehlt's uns denn?) in einer zweistündigen Collage-Lesung in der Diskothek »U-Bar 60311« an der Hauptwache Frankfurt. Ralf Rainer Rygulla, einst mit Rolf Dieter Brinkmann Herausgeber der legendären Beat-Anthologie Acid, betreibt jetzt die Disko und begeistert sich für die ungewöhnliche Lesung, die ihm einen vollen Saal beschert.

1995 erhält Alban Nikolai Herbst den Grimmelshausen-Preis der Stadt Gelnhausen für seinen schelmenstarken Wolpertinger-Roman. (Wer hat die Fotos aus dem Archiv stibitzt, auf denen der Preisträger, unser Mäzen Udo Reeg, seine Frau und Axel Dielmann angespannt der Laudatio lauschen? Viel schöner ist allerdings nach wie vor das Foto, das Reeg, Herbst, Dielmann bei einer der 33 Frankfurter Wolpertinger-Lesungen im gleichnamigen Restaurant »Wolpertinger« an der Friedberger Warte zeigt – im Hintergrund ein Hirsch-großer ausgestopfter Wolpertinger, der sich über das muntere Völkchen dieser Lesung verwundert!)

Und 1995 ist das Jahr des 50sten Jubiläums des Landes Hessen – zusammen mit Jürgen Engelhardts Stadtland-Verlag und dem Land Hessen entsteht im Verlag die Geschichts-Illustrierte Hessen wird 50. Dafür sind neue Computer angeschafft worden, neue Programme, der Verlag ist gut ausgestattet – aber es zeigt sich, daß Auftragsproduktionen wohl kaum die klassische Schere aufsprengen können: Entweder es kommt Geld zur Realisierung schöner Bücher herein, aber seine Beschaffung frist die Zeit weg, die für die schönen Bücher nötig ist – oder man hat diese Zeit zur Verfügung, dann aber das nötige Kleingeld nicht … Die Geschichts-Illustrierte jedenfalls blockiert ein vollständiges Halbjahr und wird, wie das gesamte Landesjubiläum mit seinen konzipierten Giga-Events, ein Flop. Guten Gewissens also zurück zur geldverschlingenden Literatur-Produktion!

Eine erste Krise

Wenig Geld braucht das 16er-Bändchen Ein Geburts=Tage=Buch von Gertrude Stein, das Gabriele Cenefels übersetzt. – Alban Nikolai Herbst ist unterdessen in fieberhaften Reisevorbereitungen zu einer Rucksacktour rund-um-quer-durch Sizilien und seine Drei-Kulturen-Mischung, woraus ein Roman für die Hauptwerke-Reihe entstehen soll – und Herbst kommt mit prallem Tornister zurück: Eine Sizilische Reise / Fantastischer Bericht erscheint im Herbst 1995. Und auf der Buchmesse im Herbst 1995 ist es beschlossene Sache: Die nächste Sammlung mit Langgedichten von Paulus Böhmer wird im Verlag erscheinen. – Im Frühjahr 1996 liegt der Band Säugerleid / Kaddish & andere Gedichte aus den Jahren 1993 bis 1995 vor. Kein Geringerer als Saul Cechy souffliert ihm zur Einleitung das Motto:

Leg Deinen Blues ab, Deine Schuhe und alles,
und schieb sie unter das Bett, bald wirst Du

woanders was anderes sein.

Aber der Blues zieht auf, 1996 ist im weiteren ein finsteres Jahr: Es fehlt an den nötigsten Mitteln, die Buchmesse zu besuchen, zwei geplante Titel können nicht erscheinen – und Alban Nikolai Herbst geht im August zu Rowohlt. Bevor sich herausstellen soll, daß dies auch eine Chance für den Verlag und das Programm und seine anderen Autoren darstellen wird (denn die wuchtige Zentralstellung, die Alban im Programm eingenommen hatte, ließ etliche andere Autoren immer wieder in der zweiten und dritten Reihe zurückstehen – nun trauten sie sich ihrerseits nach vorne), war dies ein heftiger Schlag.

Am Ende des düsteren Jahres jedoch sind zwei kräftige und kräftigende Erfreulichkeiten zu verbuchen.

Die Verlagsgesellschaft – klein, aber beherzt

Zum einen gelingt der lange gehegte Plan, den Verlag zu einer kleinen Gesellschaft mit Partnern zu erweitern, die neben Lust an der gemeinsamen Erörterung des editorisch Interessanten auch daran Freude haben, die finanzielle Decke des Verlages zu hinterfüttern. Zunächst mit Gerhard Schwab und dann mit Klaus Krämer treten zwei Gesellschafter bei, die als »Elder Statesmen« (nee, das ist rein erfahrungsmäßig gemeint!) zugleich wundervolle Gesprächspartner wie auch kluge Ratgeber sind. Der Verlag wird zur Kommanditgesellschaft und erhält seinen heutigen offiziellen Namen »axel dielmann – verlag Kommanditgesellschaft in Frankfurt am Main«.

Das andere neue und erfrischende Moment ist der Umzug in die Oskar von Miller Straße 18. In der Nachbarschaft, zwei Häuser weiter, ist das legendäre »Sudfaß«, der Portikus liegt quasi gegenüber, der Main fließt direkt hinterm Haus. Schöne, großzügige neue Räume, viel Licht, keine Kistenschleppereien mehr in den dritten Stock, eine schöne Atmosphäre im aufbrechenden Ostend.

Erfreulich ist, daß auf der Buchmesse die Gespräche mit dem Deutschen Taschenbuch-Verlag dtv über die Taschenbuch-Lizenzen von Alban Herbsts vier Büchern aufgehen: Am Ende des Jahres übernimmt dtv die Titel inklusive des dickleibigen Wolpertinger ins Taschenbuch.

Deryk Streich beginnt seine Arbeit im Verlag, bringt die Papierberge, die sich Buchhaltung nennen, in Ordnung, hilft bei der Sponsoren-Akquise. – Zum Ausklang des Jahres begeistert sich Sebastian Popp mit seiner Frankfurter Filmproduktion für den Roman von Thorsten Casmir, den Ohnsgrond: Er zeichnet eine Film-Option, um das Buch als Kino-Film umzusetzen.

Jahresanfang 1997: In der Reihe ETIKETT wird die Messe Frankfurt GmbH, genauer: die Kunstmesse ART Frankfurt zum Partner eines Buches, das exzellent zum Thema paßt – Martin Roda Bechers Die Rosa Ziege / Eine Erzählung aus der Kunstwelt. Auf dem Titel ist eine kleine Rosa Ziege aufgedruckt, darüber geklebt sind originale Eintrittskarten der ART Frankfurt 1997, in denen in Gestalt des Messe-Logos eine kleine Maler-Palette ausgestanzt ist. Durch diese äugt die Rosa Ziege.

Das Buch wird seitens der Messe als Journalisten-Geschenk vergeben. Gleichzeitig ist es ein Teil der Sponsorship, daß der Verlag einen großen Stand auf der ART Frankfurt hat. Der wird, 6 Meter hoch, 4 Meter tief, 10 Meter lang, mit rosa Ziegen-Zottel-Plüsch überzogen und springt in jeder Hinsicht ins Auge – sechs rauschhaft turbulente Tage voller schöner Cross-overs zwischen den Gattungen Kunst und Literatur!

Belletristische Riesen und Groß-Sponsoren

In diesem Feld zwischen Literatur und Kunst entdeckt Thomas Schwab einen völlig – auch in Frankreich – verschollenen Essay von Victor Hugo, in dem er seine Ästhetik anläßlich eines Besuches in der Pariser Sternwarte ausführt: Der Blick durch ein Teleskop auf den Halbmond, bei dem Hugo zunächst die Schwärze der unbeleuchteten Hälfte kaum als solche erkennt, dann von der Helle der beleuchteten Hälfte geblendet wird, entfaltet eine opulente Konfrontation von Wissen und Ahnung, von Mythos und Erkenntnis: Promontorium somnii / Vorgebirge des Traums.

Und dann ein glücklicher Zufall, als eine Agentur das (zur Hälfte) letzte Interview von Federico Fellini anbietet, das von Dacia Marainis Schwester Toni Maraini geführt wurde – und bei dem keiner der größeren Verlage schnell genug zugreift: Genau das Richtige für die 16er Reihe. Agnes Dünneisen, die Schauspielerin in Basel, überträgt das Bändchen unter dem hinreißenden Titel Meine Vision umfaßt 360 Grad.

Fellini: Im Grunde versuche ich jedesmal, etwas Neues zu erfinden. Aus Angst, mich zu wiederholen, erfinde ich immer etwas anderes.

Im April 1997 gelangt endlich eine schöne, lange gehegte Idee zur Umsetzung: In den Räumen des Verlages findet der erste Jour fixe statt, einige unserer Autoren tummeln sich den Abend über im Gespräch mit befreundeten Presse-Leuten, Agentur-Mitarbeitern, Künstlern, Buchhändlern, Freunden. – Das wird fortgesetzt werden in loser Folge, einmal, zweimal im Halbjahr ein entspannter Abend bei gutem Getränk und breitem Buffet, plaudern, Ideen bewegen, Projekte anhören, Erlebnisse austauchen, Möglichkeiten erwägen ...

Mitte 1997 ein weiterer Riesen-Partner in der Reihe ETIKETT: Der Pharma-Konzern Wyeth Lederle Pharma, Marktführer bei »der« Pille, läßt sich zum 35-jährigen Bestehen der Pille für ein Buch mit jenen literarischen Stellen begeistern, in denen die Autorinnen und Autoren dieser Jahre der Pille literarischen Raum gegeben haben. 17.000 Bücher werden im Hof der Oskar von Miller Straße 18 mit Blister-Packungen als Etikett versehen, immerhin 24 literarische Antibaby-Pillen werden im Buch gedreht – und eine Serie imposanter Aktionen vorbereitet. Beispielsweise eine große Matinee während des Buchmesse-Sonntags 1997 (übrigens an der Adresse Kiesstraße 41 der unterdessen fallierten Huss'schen Buchhandlung, in der 1993 die legendenbildende Verlagsgründungsfeier stattgefunden hatte) und Sandwich-Men flanieren mit dem manngroßen Buch über die Messe.

Deryk Streich verläßt den Verlag, um zunächst mit Bernd Rensinghoff den Bären-Verlag zu betreiben und später bei dem Medienunternehmen Luna-Park anzuheuern. Dafür nimmt Katrin Neuberger ein Praktikum im Verlag auf. Sie wird am Ende dieses Praktikums erwägen, ihr Studium aufzustecken und stattdessen eine Ausbildung zu absolvieren – und so wird sie, nachdem sie längere Zeit als Free-Lancerin Projekte im Verlag betreut hat, im Jahr 2000 ihre zweijährige Ausbildung zur Verlagskauffrau beginnen, und der Verlag wird zum »Ausbildungsbetrieb«.

Das Fellini-Bändchen wird von 4 Film-Produktionen als Weihnachtsgeschenk eingekauft und läßt die liebenswerten Kindheitserinnerungen des Regisseurs und Visionärs somit in der Branche fein weiterleben! – Zuvor gelingt dies:

Ein erster »Seller«

Der Erfolg eines zunächst unscheinbaren Bändchens in der 16er Reihe im Jahr 1998 ist der liebenswerten Sorge von Martin Bullinger um seinen Verlag zu danken:

Regelmäßiger Leser der Frankfurter Rundschau, der er damals war, kam Martin Bullinger mit einem kleinen Artikel aus dem Lokal-Kultur-Teil an, in dem von einem jungen Buchhändler berichtet wurde, der skurrile Erlebnisse mit seiner Kundschaft in einer Kladde gesammelt hatte. Bei der Buchhandlung Hugendubel in Frankfurt hatte Gérard Otremba diese Kladde neben der Kasse liegen und trug über anderthalb Jahre hinweg ulkige Fragen und seltsame Anliegen seiner Kunden ein: Guten Tag, ich hätte gerne von Hermann Hesse Nazis in Dortmund oder Entschuldigen Sie, wir brauchen ein Buch, das farblich zu diesem Vorhangstoff hier paßt … Es kann ruhig ein Schutzumschlag sein oder Sagen Sie, haben Sie ein Buch für einen intelligenten Einjährigen? – Wir wünschen dem Kind alle Bücher dieser Welt.

Martin Bullinger war sicher, das würde ein vergnügliches Bändchen für die 16er Reihe abgeben – die Redaktion der Rundschau half freundlich mit der Adresse von Otremba aus, der war entzückt – und zwei Monate später erschienen Die Geheimen Aufzeichnungen des Buchhändlers. – Inzwischen sind sie in der 16ten Auflage, gut 30.000 Exemplare, alle von Hand fadengeheftet, sind verkauft – 1999 reicht Otremba die Fortsetzung Ein weiterer Tag im Leben des Buchhändlers nach, der seinerseits inzwischen die fünfte Auflage erreicht hat, zusammen fast 40.000 Exemplare.

Dank an Gérard Otremba – und an Martin Bullinger, den wachen Freund!

Dessen erster Roman erscheint: bussard. / die sandberg. Zwei eigenwillige Liebesgeschichten, in fließend einander ergänzenden Perspektiven erzählt, durchzogen von fast schon minimalistischen Inseln subtiler Landschaftsbeschreibungen, die ebenso zum Markenzeichen von Bullinger werden wie seine interpunktionslose Kleinschreibung, und von weiträumig verzahnten Gesprächen seiner wie aus groben Fotorastern heraustretenden Figuren. Eine Herausforderung – aber es gilt: Herausforderungen sind die beste Unterhaltung! (Deshalb: Junge Literatur lesen!)

Bei diesem Motto bleiben wir – allerdings brachte 1998 zunächst einen teuren und wenig vergnüglichen Ausflug ins Juristische mit sich:

Zoë Jenny und ihr Vater Mathyas erwirken eine Einstweilige Verfügung gegen das Buch Abschiedsparcours von Martin Roda Becher. Darin enthalten war eine von drei Erzählungen, Hummerpark, von der Becher im groß herausgebrachten Interview mit der Schweizer Illustrierten FACTS sagt, sie sei von Tochter und Vater Jenny inspiriert worden – man interpretiert das (aufgrund einer Erzählung über eine Erzählung in der Erzählung) als Inzest-Vorwurf. – Das Buch – solange es die Erzählung Hummerpark enthält, aber so ein Buch ist ja nun mal kein Baukasten! – bleibt nach Streit in mehreren Instanzen verboten. Eine kleine Auflage wird »beschnitten«, es entsteht als »Lückenfüller« das eigens hergestellte Bändchen der 16er Reihe Die letzte Fléche von Martin Roda Becher, das in den um den Hummerpark reduzierten Abschiedsparcours eingelegt wird.

Das nicht ausgelieferte, aufwendig produzierte Buch sowie die Prozeßkosten würden den Verlag, wäre nicht der wirtschaftliche Erfolg der Geheimen Aufzeichnungen des Buchhändlers gewesen, gekillt haben!

Herausforderungen sind die beste Unterhaltung! Deshalb: Junge Literatur!

Askan von Hardenbergs Roman Die innere Gegend / Eine Bedienungsanleitung erscheint. Trotzt zweier Lesungstouren, die sich in kleinerem Rahmen von 7 Lesungen an den Wolpertinger-Tourneen orientieren, wird der spritzige Debüt-Band überhaupt nicht wahrgenommen. Auch Martin Bullingers Erstling wird zwar in den Lokalteilen überschwenglich gelobt, wo immer er Lesungen hat, aber die Feuilletons sind zu, überrannt, fixiert auf einen Kanon, in dem ungewöhnliche Ästhetiken keinen Platz finden.

Eine ganz andere Weiterung allerdings wird der Roman von Askan von Hardenberg im Frühjahr 2000 haben: In seinem Anfang räsonniert der Protagonist über ein Buch von Jack London, The Star Rover – wie bitte?

Die Recherche ergibt, daß der Roman einmal höchst unvollständig in den 50er Jahren in deutscher Übersetzung vorlag, wie ein Steinbruch zur Kurzgeschichten-Sammlung heruntergebrochen. Also. Uschi Gnade, die begnadete Übersetzerin etwa von Edward Bunkers umwerfendem autobiographisch hinterfüttertem Roman Der letzte Coup und (oh, wenn es erotische Literatur von Rang gibt, dann solche:) Antonella Gambottos Erotikon Das Gewicht des Herzens (nee, nicht vom dusseligen deutschen Titel abhalten lassen!) – Uschi Gnade läßt sich gewinnen, das Buch zu übersetzen. Reinhard Wissdorf, der beachtliche Entdeckungen über Jack London auf seiner deutschen London-Homepage www.jacklondon.de zu vermelden hat, schreibt ein Begleitwort. Und so wird nach eineinhalb Jahren Jack Londons Die Zwangsjacke erscheinen.

1998 ist aber zunächst Thomas Schwab wieder als Scout aktiv: Er findet Malcolm de Chazal (Gesichter in Zeitlupe) und stellt Gedichte von César Valléjo (Pariser Gedichte) zusammen, die er beide selbst übersetzt, zwei weitere schöne Bändchen der 16er Reihe. Professor Carsten Garscha gibt Valléjo ein Nachwort bei. Die Griechin Evangelia Karamountzou beginnt im Herbst 1998 ein Praktikum. Sie ist die dritte Marburger Praktikantin, die im Verlag ihr geisteswisssenschaftliches Studium durch Praxisnähe zu erden versucht – und sie wird danach über drei Jahre als feste Freie dem Verlag verbunden bleiben, und am Ende die Buchmesse 2001 mit dem Schwerpunktland Griechenland und unsere fünf Titel für diese Messe umfänglich betreuen. Gerd-Peter Eigner, der mit seinen Romanen bislang bei DVA und Hanser Verlag war, kommt mit seinen Essays in den Verlag. Alban Nikolai Herbst und Paulus Böhmer hatten den Kontakt hergestellt. Der kritzrote Leinenband mit gelber Prägung Nachstellungen I bringt Eigners Nabokov-Essay und das Gespräch aus einer fiktiven (wenn auch fast schon wahrscheinlichen) Begegnung zwischen Dostojewskij und Flaubert in Paris … Daneben steht der 6-teilige Mozart-Essay, den Eigner zur Eröffnung der Alten Oper Frankfurt am 10. September 1981 zwischen die sieben Sätze der zur Einweihung gespielten »Gran Partita« gelesen hatte – einer meiner persönlichen Lieblingstexte ist der Teil VI, in dem Mozart schwarze Notentupfen aufs weiße Papier setzt, während es in der Imagination von Eigner draußen zum ersten Mal schneit: weiße Tupfen auf schwarzem Grund. Die Nachstellungen II erscheinen im Jahr darauf, diesmal ein knallgelber Band mit roter Prägung. Er geht zurück auf eine Serie von Einführungen namhafter Autoren-Kollegen im Literaturhaus Berlin, zu denen Gerd-Peter Eigner Essays verfaßt hatte. Überarbeitet liegen hiermit seit 1999 schillernde und verlockende Texte über Hans Joachim Schädlich, Juan Goytisolo, Adolf Muschg, Werner Fritsch, Marguerite Duras, Reinaldo Arenas, Fritz Rudolf Fries, Ursula Krechel und Imre Kertész vor. Quasi grundlegend für den Band und Eigners Haltung ist das, was er über Goytisolo notiert:

Das Öffentliche ist das Intimste, und umgekehrt: oder hat es zumindest zu sein in einer Gesellschaft, die trennt – und sich an den Trennungen einseitig bereichert. Die Durchmischung als Akt der Wahrheit, der Wesensfindung, die Goytisolo nur dort mit Unbehagen wahrnimmt, wo Schriftsteller der Gegenwart – wie etwa Neruda, Asturias, Guillén, auch García Márquez (im ausdrücklichen Gegensatz zu den Becketts, Borges', Roa Bastos', Lezama Limas) die Nähe der Mächtigen und der Macht zu suchen sich nicht scheuten und scheuen. Goytisolo hat längst, wie sein strategisch vereinsamender Unheld in »Landschaften nach der Schlacht«, seine Trennungslinien gezogen, auch, rive gauche gegen droite, was die Intellektuellen- und Künstlerzirkel der französischen Hauptstadt anbelangt. Und taucht, wir sind wieder mitten im Buch, ein ins Heterogenste.

In der Reihe ETIKETT erscheint das zweite Buch der jungen Autorin Susanne Bartsch (ihr Debüt war bei dtv erschienen): Das neue Buch heißt Rent A Friend und erzählt die satirische Geschichte einer Agentur, die Miet-Freunde verleiht. – Passend zum Titel werden Tütchen von Fisherman's Friend als Etikett auf dem Buch aufgebracht. – Auf der Buchmesse im Herbst wird dieser Band zum heftigst begehrten Objekt (und zum meistgeklauten Buch, das wir je hatten: auch ein Rekord)!

Die Wiedererlangung eines gewissen Glücksgefühls

Nach den drei 16er-Bändchen Paulus Böhmer & Katharina Hacker Von denen Schnecken, dann Paulus Böhmer & Klaus Reichert Eben noch, Vor langer Zeit, Jetzt / Über Monster und Wer ich bin? über den Dichter Böhmer, erscheint dessen zweiter dicker Gedichtband bei uns: Palais d'Amorph als Band der Hauptwerke-Reihe in orangefarbenem Leinen mit lila Schärpe. Ein Schmuckstück in der Reihe, und es erfüllt mit einigem Stolz und gibt Auftrieb, wenn ein Büchernarr wie Michael Krüger (Hanser Verlag) dazu schreibt: Die schönsten Bücher haben in diesem Jahr Sie gemacht!

1999 bringt zudem die bislang mächtigste Auflage für ein Buch der Reihe ETIKETT, das sich obendrein im Buchhandel schwungig verkauft: Das Tee-Buch zusammen mit Der Teeladen Gebrüder Gschwendner. Die Blaue Stunde / Tee in der Weltliteratur wird in den 129 Franchise-Geschäften von Der Teeladen als Weihnachtspräsent angeboten – und der Band findet so begeisterte Aufnahme, daß eine erfreuliche weitere Auflage bei den Buchhändlern nachgefragt wird.

Anfang April 1999 stirbt der große Verleger Giulio Einaudi im Alter von 87 Jahren. Insgesamt scheint mir, hatte der 70-Jährige in seiner Verlagsbiographie Guilio Einaudi im Gespräch gegenüber Severino Cesari ausgeführt, die größte Herausforderung an das kulturell anspruchsvolle Verlagswesen für die nächsten zwanzig Jahre die Wiedererlangung eines gewissen Glücksgefühls zu sein. Vielleicht ist der größte Mangel eines kulturell ambitionierten Verlagshauses, in dem die Atmosphäre notwendigerweise auch geschäftsmäßig sein muß, wenn auch nicht bürokratisch, das Fehlen eines Glücksempfindens. Das ist mein Eindruck, es kann ein falscher sein, aber warum sonst soviel Unruhe und Unzufriedenheit?– Die Bücherwelt ist mit dem Tod von Einaudi ärmer geworden! Was die »Wiedererlangung eines gewissen Glücksgefühls ... in den nächsten zwanzig Jahren« anlangt, haben wir nun noch knappe 2 Jahre Frist!

Lassen wir die Toten die Toten begraben, sagt André Gides Schlechtgefesselter Prometheus einmal abgeklärten Herzens. Wir versuchen es anders:

In dem Band Geliebte in anderen Häusern erzählen 42 Verleger-Kolleginnen und -Kollegen darüber, welche ihrer Lieblingsbücher leider in anderen Verlagen erschienen – und warum das jeweils so kam. Die Sammlung, die in der Reihe ETIKETT erscheint und als Partner den großen Papier- und Buch-Veredler Achilles GmbH in Celle hat, ist aus der gleichnamigen Kolumne der Rezensions-Zeitschrift LISTEN hervorgegangen. Deren Herausgeber Bruno Piberhofer und Ferdinand Schmökel sind zugleich die Herausgeber des Buches.

Mit LISTEN hatte sich eine freundliche Zusammenarbeit ergeben, weil immer häufiger Autoren des Verlages und auch Axel Dielmann ihre Lektüre-Erlebnisse und literarischen Trouvaillen für LISTEN besprochen hatten.

Ferner ist 1999 das hoffnungsvolle Jahr einer beginnenden Partnerschaft mit dem schwedischen Papierhersteller SCA, der in Deutschland durch die Agentur Engel & Zimmermann, Starnberger See, in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt wird. Zusammen mit Herrn Zimmermann und seiner Agentur entsteht der Plan, eine Buchreihe zu konzipieren: Für 5 Jahre soll jährlich zu Weihnachten ein Buch mit je fünf europäischen jungen Erzählern aufgelegt werden, möglichst noch unbekanntere Autoren, jeweils aus wechselnden europäischen Ländern. Entsprechend erscheint ein Prachtband mit den Autoren Carl-Johann Vallgren (Schweden), Katrin Heinau (Deutschland), Scott Bradfield (England), Thomas Schwab (noch einmal Deutschland) und Dominique Ponçet (Frankreich) – in deutscher und in englischer Ausgabe. Professor Hilmar Hoffmann, Präsident der Goethe-Institute, steuert das Vorwort bei.

Die Bücher sind ein großer Erfolg, es gibt begeisterte Dankesbriefe der mit den Bänden Beschenkten – aber leider wird im Februar 2000 die Firma SCA Fine Papers mit Stumpf und Stiel vom Papierriesen Mondo Paper übernommen, und der stellt die Reihe (neue Besen kehren gut) ein. (Alte Besen wissen aber auch zu fegen, und so wird der Fünfjahresvertrag nicht, wie sich Mondo das vorstellte, einfach aufgelöst; sondern er wird insoweit ausgelöst, daß einige andere feine Bücher möglich werden! – Schade ist es dennoch um die Reihe – und wenn je ein Unternehmensleiter diese Zeilen liest, der gerne liest und Literatur für ein würdiges Geschenk an seine europäische Kundschaft, seine Mitarbeiter und Partner erachtet: Die Rechte an der Reihe liegen beim Verlag, und es wäre ein Feines für alle Beteiligten, die Jungen Europäischen Erzähler und die Young European Narrators wieder auf- und weiterleben zu lassen!)

Geliebte im eigenen Haus

Martin Bullingers zweiter Roman schnelle messer. erscheint. Wiederum ist Martin Bullinger mit vielen Lesungen unterwegs, darunter so feinen Orten wie dem 56. Stockwerk des Frankfurter Messeturms – klar, in schnelle messer. ist der zentrale Erzählstrang der, daß zwei Männer in einem feststeckenden Fahrstuhl eingeschlossen sind und sich die Zeit über ein Wochenende vertreiben, indem sie einander (ihre) Geschichten erzählen. Mulmiges Gefühl bei der Fahrstuhlfahrt zur Lesung!

2000 ist ein schönes Jahr, besonders durch vier Bücher – drei davon erscheinen in der Reihe ETIKETT. Zwar findet zuletzt nur eines der drei seinen Sponsor, dessen Einbindung ist dafür um so vergnüglicher: Ein Kragen aus Erde ist Olaf Veltes erster Gedicht-Band, den er bei uns im Verlag herausbringt, knappe dichterische Schlaglichter auf die Welt des zeitgenössischen Landlebens, Landschaftsgedicht also, aber hier kommen Landschaften ins Bild, die wie mit Fasern durchzogen sind von Geschichte. Olaf Velte nennt keinen Stein, dem man nicht die über ihn hinweggewalzten Menschen und Tiere und Wagen anhört, keine Gemarkung bleibt ohne den Geruch ihrer traditionsreichen Mühen und politischen Leichtsinnigkeiten, kein Werkzeug tritt auf ohne seine Herkunft zu verraten und sein Verschwinden zu beklagen. Man wird hellhörig dafür, durch was alles man geht, wenn man auch nur wenige Meter Wegs zurücklegt in den Landschaften unserer Breiten, die längst vollständig Kulturlandschaften sind – mit allem, was das impliziert an Zuwachs und Verlust.

Dann erscheint Tarek Dzinajs Debüt in der Reihe ETIKETT. Er hatte in der Zeitschrift Büch(n)er eine Serie von knappen Texten, die von einer deutsch-türkischen Freundes-Clique erzählten – jetzt legte er das Ganze des nur 128 Seiten langen Romans vor, der zwischen Bosporus und Rhein-Main pendelt und nicht nur die Welt zwischen Frankfurt und Istanbul aufspannt, sondern zugleich zwischen Eltern-Traditionalismus und jugendlichem Abhängen, zwischen Sehnsucht nach eigenen Geschichten und geschichtlicher Bedingtheit der eignen Sehnsüchte: müde / Ein Roman. – Der Band findet leider keinen Sponsor, ebenso der Roman von Magnus Vattrodt. Der hat mit Managuaspiele einen hinreißenden Krimi geschrieben, der wie die Trommel eines Revolvers immer wieder eine Auswahl von Figuren reihum ins Blickfeld rückt, die einander jagen, verfolgen und doch stets wieder tolpatschig verpassen – alles, um ein aus Deutschland unter Brandstiftungs- und Terrorismus-Verdacht nach Nicaragua geflohenes Architektenpärchen einzufangen, das die von ihnen gebauten Hotels anzündet, und nun ein Dschungel-Hotel neu aufbaut ...

Als Hardcover in der Reihe Die Hauptwerke erscheinen Gedichte von Asher Reich. Tel Aviver Ungeduld wird von Lydia Böhmer, Ihrem Mann Paulus sowie Werner Söllner aus dem Ifrit übertragen.

Laß mich in Ruhe. Laß mich wie ich will
in meinem Haus alle Fenster öffnen dem Wind und der Sonne,
zur Welt hin meine Hand ausstrecken, den Freuden, die da kommen werden.
Kommt!

Kommt! hieß das Angebot zu einer eher rand-literarischen Veranstaltung, die aus den Besuchen bei Martin Roda Becher und Agnes Dünneisen in Basel hervorging: Dort wird gerne im Schützenmattpark Boule gespielt, und der Import von drei ersten Kugeln über die deutsch-schweizer Grenze führt zu einer kleinen, aber rasch auswachsenden Runde von Boule-Spielern.

Die Dienstage werden zu den Boule-Abenden des Verlages, Martin Bullinger ist Spieler der ersten Stunde (und Liga!), und es sind bald so viele Mitspieler die sporadisch oder regelmäßig teilnehmen, daß zumeist in zwei parallelen Spielen am Main-Ufer nahe dem Verlag angetreten wird.

 

 

Der Börsengang …

Die Kooperationen mit den Partnern der Reihe ETIKETT machen immer wieder Freude und bringen sowohl finanziellen Gewinn wie auch Ideen-Zuwachs. Ein Erlebnis besonderer Art ist es jedenfalls im Juni / Juli 2000, mit einem Buch den Börsengang eines Unternehmens zu begleiten:

Das Software-Unternehmen SAP führt eine Tochterfirma, SAP systems integration, an die Börse. Dazu legen wir in der Reihe ETIKETT den Band Ein literarischer Gang an die Börse auf. Alban Nikolai Herbst, als ehemaliger Optionshändler, und Sabine Tost sind die Herausgeber – und der Band hat guten Erfolg, bei den Medien wie bei den Aktionären von SAP si, die zum IPO damit beschenkt werden. Von FOCUS Money bis zur Badischen Zeitung wird über das Buch von verschiedensten Medien berichtet, und das Magazin der Nord/LB empfiehlt: Die vorliegende Anthologie stellt neunzehn börsennotierende Schriftsteller mit Romanauszügen rund um den Geldhandel vor, von Samuel Pepys über Upton Sinclair, John Dos Passos und Tom Wolfe bis zu Urs Widmer und Uwe Timm, kurzweilig in Roman-Häppchen à zehn Seiten verpackt, die wie Teaser Lektürelust auf die ganzen Werke machen. ... Wer also noch über genügend geistig-finanziellen Spielraum verfügt, sollte sein Depot unbedingt mit diesem Buch bestücken.

… und es kommt noch besser:

Der Börsengang von SAP si wird von der Commerzbank als Konsortialführender Bank betreut – warum nicht der Commerzbank anbieten, das Buch ebenfalls als PR-Instrument einzusetzen und damit sowohl den Nutzen von SAP als auch den des Verlages und schon gar den der Commerzbank zu steigern? – Etwas Wundervolles geschieht: Die »Securities-Leute« der Commerzbank, also die Anlage-Verwalter, vernarren sich in das Buch. Über ihre vier Etagen im vielgeschossigen Bankturm am Kaiserplatz in Frankfurt hinweg beginnen die Securities-Abteilungen sich gegenseitig in benötigten Auflagen zu überbieten. Täglich meldet eine der Etagen zusätzlichen Bedarf, will eine weitere Abteilung weitere Auflagen-Anteile für ihre Kunden erwerben. Am Schluß ist die Auflage, die von den Commerzbank-Mitarbeitern eingesetzt wird, fast doppelt so groß wie die von SAP verwendete – und der Buchhandel profitiert kraftvoll mit, da das Buch, einmal verschenkt, immer wieder auch nachgekauft wird! Win-Win-Strategie in Reinkultur und für alle Beteiligten.

Im September feiert der Flughafen Hamburg als dienstältester Airport Deutschlands seinen 90sten Geburtstag – und er feiert ihn mit einem Buch der Reihe ETIKETT: Eine lange Serie von literarischen Exzerpten ist unter der Herausgeberschaft von Martin Bullinger zum Ablauf einer Flugreise zusammengestellt. Vom Bestellen eines Taxis zum Flughafen über das Einchecken und das Sortieren der Koffer auf Förderbandanlagen, den Flug und die Landung bis hin zur Ankunft rollt ein Flug ab und illustriert literarisch die Vielfalt der Aufgaben, die gemeistert werden müssen, damit Passagiere und Gepäckstücke ihre Reisen gut überstehen – und jeweils möglichst gleichzeitig am gleichen Ort landen und wieder zusammenfinden! Der Traum vom Fliegen. (… Finden Sie übrigens, daß es hier zwischendurch zuviel Text ist? Textwüste, Bleiwüste, Bilderarmut? Na gut, dann entspannen Sie eben einen Moment mit einem Scroll über unsere Autoren und Bücher … Hier!)

Die Filmproduktion Ufa Babelsberg übernimmt eine Option auf die Verfilmung von Susanne Bartschs Roman Rent A Friend, der damit eines der erfolgreichsten Bücher im Verlag wird – denn auch dieser Roman findet das Interesse von Maria Schedl-Jokl, der Lektorin bei dtv, der an dieser Stelle einmal für ihr beherztes Engagement auch für eigenwilligste Taschenbücher gedankt werden soll!

Kiosk Dielmann

Im Oktober 2000 würdigen ZDF und 3sat den Verlag als den Verlag mit dem originellsten Stand der Frankfurter Buchmesse. Das kommt so:

Neben das Buch von Susanne Bartsch Rent A Friend mit dem Fisherman's-Tütchen auf dem Titel stellten wir Olaf Veltes Kragen aus Erde mit dem Possmann-Appelwein-Flaschen-Etikett – und voilá, die Basis für einen Kiosk-Betrieb war geschaffen. Es wurde ein zweiter, kleiner Stand auf der Buchmesse angemietet, im Parallelgang zum eigentlichen Stand, und diese kleine Dependance wurde zum 50er-Jahre-Kiosk ausgebaut. Viel Gerenne zwischen den zwei Ständen, aber auch eine Mordsgaudi!

Diese Buchmesse des Jahres 2000 war ein einziger Rausch. Dazu trug auch das Symposion über Literatur-Sponsoring bei: Die Buchmesse wollte das Thema mit vier möglichst unterschiedlich mit Sponsoring umgehenden Verlegern aufgreifen, und so kamen André Schiffrin (dessen skeptische Einschätzung zur Entwicklung der Literaturverlage Verlage ohne Verleger gerade bei Wagenbach erschien), ein Geschäftsführer vom italienischen Verlagsriesen Mondadori, der Holländer Peter van Lindonk, der im Jahr rund 30 skurrilste Buch-artige Objekte mit Giga-Sponsoren macht und nichts anfängt unter 200.000 Stück Auflagen, und Axel Dielmann zusammen. Eine hitzige Debatte, an deren Ende nicht eindeutig ist, was überwiegen muß: Die Sorge um eine für sich und aus sich selbst heraus gültige und existierende Literatur, wie sie Schiffrin unnachgiebig hervorhebt, oder die beherzte Experimentierlust beim Versuch, wo immer möglich neue und weitere Leserkreise zu erreichen, wie van Lindonk es vormacht. – Zwischen diesen beiden Polen wird sich die Reihe ETIKETT weiter entwickeln.

Schöner Effekt der Veranstaltung: Die Organisatorin der Buchmesse in Prag lädt Axel Dielmann als Referent zu einem Symposion im April 2001 ein.

In der 16er Reihe erscheint eine zweite Gedicht-Sammlung der Lyrikerin Martina Hügli, deren Band Nicht gegen uns selbst immun 1998 als Etikett erschienen war. – Axel Dielmann übersetzt Ian Hackings Leute [zurecht] machen als 16er-Bändchen. – Martin Bullingers Assemblage aus 6 Teilen von Romanen Geruch der Liebe erscheint ebenfalls als 16er.

Spät im Jahr erscheinen Philipp Mosetters 107 Tragische Vorfälle, leider ohne die schon fast zugesagte Allianz Versicherung, der die Rettung vor Mosetters skurrilen Begebenheiten sicher möglich gewesen wäre …

Ende des Jahres scheidet Klaus Krämer als Gesellschafter aus der Kommanditgesellschaft aus. Zaghaft gehen Gerhard Schwab und Axel Dielmann auf die Suche nach einem neuen Dritten Partner.

Autoren wie Martin Bullinger und Thomas Schwab bilden einen festen Stamm aus mittlerweile rund 20 Schriftstellern, die regelmäßig im Verlag veröffentlichen. – Und eine Serie von Gesprächen über die Ähnlichkeiten und Differenzen zwischen Literatur- und Kunst-Betrieb mit Enno Schmidt kreist immer wieder um das Beispiel eines seit langem zu verlegenden Buches: Schmidt, selbst Künstler und ideenreicher Essayist, Mitstreiter im auf Joseph Beuys zurückgehenden Konzept »Unternehmen Kunst und Wirtschaft, erweitert e.V.« – Enno Schmidt macht neugierig auf das Projekt Der Ganze Riemen, in dem der Beuys-Schüler Johannes Stüttgen seit den 70er Jahren versucht, die Zeit von Beuys als Lehrer an der Düsseldorfer Akademie zu protokollieren und in ihrer Eigenschaft als eine Art Gesamtkunstwerk festzuhalten.

Es kommt die Frage auf, ob und wie ein prozeßuales Geschehen von dieser Bedeutung und Komplexität »festgeschrieben« und ediert werden könne. Vom Umfang her ein auf wahrscheinlich 1.000 Seiten anzusetzender Band, unüberschaubar viele Abbildungen und Dokumente würden einzuarbeiten, teils überhaupt erst zu beschaffen, der Text selbst insgesamt in eine Form zu bringen sein. Aber eben ein Dokument über eine der virulentesten Phasen der neueren Kulturgeschichte Deutschlands, zudem ein kunstgeschichtliches Dossier von höchster Wertigkeit.

Enno Schmidt hatte mit Johannes Stüttgen, dem Autor, Künstler und Chronisten der Beuys-Aktionen, mehrfach zusammen gearbeitet, vor allem bei der Vorbereitung von Texten mitgewirkt. Klar wurde, daß Der Ganze Riemen nur mit eminenten finanziellen Mitteln und mit viel Goodwill von verschiedensten Seiten überhaupt in die Welt zu bringen wäre – aber die Gespräche verdichten sich, es kommt zu einer Begegnung mit Johannes Stüttgen, einem gemeinsamen Gang durch den Beuys-Block in Darmstadt, in dem Stüttgen die Hintergründe von Der Ganze Riemen illustriert.

In der Folge entsteht im Verlag die kühne Idee, man könne versuchen, ähnlich wie bei Filmproduktionen eine Beteiligungsgesellschaft zu gründen, aus deren Einlagen heraus Der Ganze Riemen finanziert werden könnte. Eine Serie von Gesprächen mit Finanzleuten wird nötig, mit Juristen, mit Filmproduzenten. Die Kontakte aus den Verkäufen der Filmoptionen werden hilfreich, es entsteht Neugierde seitens Anlegern und einigen Persönlichkeiten aus dem Bereich Finanzdienstleistungen: die ungewöhnliche Verbindung zwischen einem anspruchsvollen Kultur-Projekt, das sich zudem an einen der großen Künstler-Namen anbindet, und einer Beteiligungsstruktur hat einige Wucht. Es entsteht ein Konzept, eine Vertragsform läßt sich entwickeln, erste ernstzunehmende Interessenten an einer Beteiligung treten auf. In einer Presse-Kampagne wird das Projekt und die Beteiligungsmöglichkeit vorgestellt – und der Rücklauf ist frappierend: Ein Finanzierungsbedarf von rund 200.000 DM scheint abdeckbar durch das Prinzip von Beteiligungen. Grundsätzlich ist absehbar, daß hier eine aussichtsreiche Finanzierungsform für Kultur-Projekte von mittlerem Finanzbedarf zu denken ist. – Unter dem Vorbehalt, daß die Finanzierung gesichert werden kann, wird ein Vertrag über Der Ganze Riemen geschlossen. Enno Schmidt wird von Johannes Stüttgen als Lektor in das Projekt geholt, womit eine weitere Premiere stattfindet: Erstmals ist ausschließlich ein Außen-Lektor anstelle von Axel Dielmann inhaltlich für ein Buch zuständig, zudem wird mit Caro Forkel eine dann langjährige freie Mitarbeiterin hinzugezogen – und eine Zeit intensivster Gespräche und Arbeit an dem Rohmaterial des Berichtes über Beuys, die Beuys-Schüler und die Düsseldorfer Akademie zwischen den Jahren 1966 bis 1972, dem Jahr des RAUsschmisses von Beuys aus der Akademie, und die Folgejahre beginnt.

Im Mai 2001 Prager Buchmesse – und Griechenland-Buchmesse

2001 bringt, durch die freundliche Vermittlung von Dr. Frithjof Hager, Soziologe in Berlin, die Erinnerungen des Star-Dirigenten Claudio Abbado. Der Berliner Soziologe Frithjof Hager hatte den Kontakt hergestellt und das Buch empfohlen, in dem der Nachfolger von Karajan über seine 13 Jahre als Leiter der Berliner Philharmoniker erzählt. Direkt vor dem Fall der Mauer war Abbado nach Berlin berufen worden, erlebte den Umbruch mit – und gestaltete ihn zusammen mit dem Orchester und verschiedenen Spielstätten unterschiedlichster Kunstgattungen mit. Schon immer, schreibt er, und heute mehr denn je, war Berlin ein Sammelbecken verschiedenster Sprachen, Ethnien und Gepflogenheiten, es ist ein Modell dafür, wie Europa sein könnte, falls es uns gelingt, die nationalistischen oder sogar regionalistischen Tendenzen zu überwinden. Und Abbado wird konkret und stellt politische Zusammenhänge her: Epikur hat die Ansicht vertreten, daß Vergnügen und Vernunft, getrennt betrachtet, gleichermaßen fruchtlos seien. In diesem Sinn hat die Kunst der Politik noch viel mitzuteilen.

Die Salzburger Festspiele GmbH wird Sponsor des Bandes, der innerhalb eines Halbjahres seine 2. Auflage erreicht.

Kurz vor der Buchmesse 2001 findet die Rezensionszeitschrift LISTEN ihr neues Zuhause im Verlag. Zur Finanzierung wird wiederum eine kleine Beteiligungsgesellschaft eingerichtet, zur Steigerung der Leserschaft wird an das Konzept der SCHRITTE angeknüpft: LISTEN liegt in den Cafés mehrerer deutscher Städte aus. – Und dann kommt die Buchmesse, die das Schwerpunktthema Griechenland hat.

Die Griechen warten mit literarischen Schönheiten auf, aber sie werden eine harte Prüfung: Schon knapp zwei Jahre vor der Messe hat Evangelia Karamountzou, unsere griechische Praktikantin, die an der Uni Marburg ihre Magisterarbeit schreibt, begonnen, sich nach interessanten Autoren und Büchern in Griechenland umzusehen. Parallel hat Asteris Kutulas zusammen mit seiner Frau Ina die Fühler ausgestreckt. Und so kommt einiges in Schwung – drei 16er-Bändchen konkretisieren sich, eines mit kurzer Prosa von Konstantinos Kavafis über seine Familiengeschichte (Familie Kavafis), ein zweites mit einer Neu-Übersetzung von Jannis Ritsos' Mondscheinsonate und ein drittes mit einem Überraschungs-Lyriker, den man in Deutschland bestenfalls als surrealistischen Maler kennt, Nikos Engonopoulos (Unterhaltungen mit dem Fahrer verboten). Zu zwei ganz großen lebenden Stimmen der griechischen Literatur entstehen Kontakte, nämlich zu Kiki Dimoula, deren lyrisches Œuvre über ein Dutzend Gedichtbände umfaßt, und via Dr. Hagestedt zu Demosthenes Kourtovik, der sowohl als Wissenschaftler und Romancier, wie als Essayist und einer der einflußreichsten Literaturkritiker des Landes tätig ist.

Schon vor der Messe im Juni erscheint ein Bändchen mit Gedichten von Kiki Dimoula in der 16er Reihe, Eine Minute zusammen, als kleine Auswahl aus dem riesigen Werk der Dichterin, die mit allen wesentlichen Literaturpreisen Griechenlands bedacht und geehrt wurde, hierzulande indes völlig unbekannt geblieben war. Gabi Wurster beginnt parallel die Übersetzung von Dimos Kourtoviks Roman Die Nostalgie der Drachen, einem Wissenschaftskrimi, der auf der Quest nach einer entwendeten Mumie quer durch Europa und seine politischen Landschaften führt. Beide Bücher sollen als Hauptwerke-Bände erscheinen.

Der Messestand greift den Kiosk aus dem Vorjahr auf, ein zentraler Großkiosk steht mitten im Verlagsstand. Nestlé und Bitburger sind (Sach-) Sponsoren dieses Standes, und es wurde nach der Messe gemunkelt (besonders durch die Groß- und Dauer-Einkäufe vom lieben Kollegen und Standnachbarn Kramer), es sei mehr Umsatz mit Bier und Schokolade erzielt worden als mit Lizenzen! – Wie auch immer, die Griechenland-Buchmesse wird heikel. Das mächtige Medien-Interesse an Demosthenes Kourtovik bleibt ohne Folgen, da der Autor sich den Journalisten entzieht, TV-Interviews ausschlägt, schließlich eine Reihe vorbereiteter Lesungen absagt und nach Griechenland zurückreist … Die Griechenland-Messe hinterläßt darüber hinaus heftige Spuren im Verlag, da die zugesagten und notwendigen Übersetzungszuschüsse erst in drei Jahren (statt nach Erscheinen der Bücher) und erst nach Intervention des Auswärtigen Amtes von der Griechischen Regierung bezahlt sein werden – da hatte im Landeshaushalt der Flughafen-Neubau zur Olympiade in Athen und diese selbst radikalen Vorrang vor der literarischen Kultur.

Im Frühjahr 2002 würdigt Dr. Lutz Hagestedt in einem Feuilleton den Erzähler und Hörspiel-Autor Karl-Günther Hufnagel – in einem Gespräch erzählt er weiteres von dem Autor, der seit den 60er Jahren in weiten Zeitabständen ein Halbdutzend Romane von »inneren Immigranten« vorlegte. Etliches sei vergriffen. Es entsteht ein Kontakt zu Karl-Günther Hufnagel, und in der Reihe Die Hauptwerke erscheint Geburt eines Dichters im Bürgerkrieg. – Enno Schmidt hat allmählich den gesamten Ganzen Riemen überarbeitet, noch immer fehlen zwar große Teile des eigentlichen Textes, den Johannes Stüttgen neu und um und umschreiben will, auch die Zuordnung und Beschaffung der Abbildungen gestaltet sich als mächtiges Problem bei der redaktionellen Arbeit an dem Beuys-Band, aber die Gespräche mit Enno Schmidt über Kunst und ihre Grundlagen, über die Hervorbringung und Behauptung von Neuem und Ideen gegenüber lange Bestehendem eröffnen Horizonte (und die Erkenntnis: »Es gibt kein Naturrecht auf Kultur«).

 

Caro Forkel, die seit längerem ein Volontariat im Verlag absolviert und nun einzelne Projekte betreut, entwickelt die Idee, Die Mondscheinsonate von Jannis Ritsos zu dramatisieren. Zusammen mit Mària Ács hatte sie das Schauspielerinnen-Duo Literatwo gegründet, und Literatwo führt im Frühjahr eine dichte Theaterfassung des Langgedichtes um die Liebe einer älteren Frau zu einem jungen Mann auf. Stationen sind das Vorstadttheater in Tübingen, Uni Frankfurt und viele andere der Dichtigkeit von Text und Stück angemessene kleinere Bühnen.

Reclam Leipzig übernimmt Kourtoviks Roman Die Nostalgie der Drachen ins Taschenbuch-Programm. – Claudio Abbados Musik über Berlin geht in die 3. Auflage.

Der Strom und das Wasser / Literarische Funken und Strudel entsteht zusammen mit der OVAG Oberhessische Versorgungs AG. Eine riesige Lesungs- und Diskussions-Serie mit den Vorständen der OVAG und dem Schauspieler-Paar Ronka Nickel und Hans Schwab wird vorbereitet und durchgeführt. Die bisher fetteste Pressemappe türmt sich auf: über 120 Artikel über Buch und Veranstaltungen innerhalb zweier Monate!

Lehrreich und anregend war die Arbeit an diesen Literarischen Funken und Strudeln in verschiedener Hinsicht: Der Siegeszug der elektrischen Energie begann vor 90 Jahren, schrieb der Gießener Anzeiger, im Frühjahr 1912, mit den Vorbereitungen für die Verlegung von Kabeln und dem Bau von Strommasten. 1913 genossen dann 15 Dörfer im Kreis Friedberg die Vorzüge der elektrischen Energie. Der ungewöhnliche Schritt der OVAG, nun ein literarisches Jubiläumswerk herauszugeben, erhielt Unterstützung durch den Frankfurter Axel-Dielmann-Verlag als Partner. Verleger Axel Dielmann las selbst die Anlesetexte zu den einzelnen Buchauszügen vor. Für seine Reihe ETIKETT erarbeitet der Verlag Hand in Hand mit unterschiedlichen, stets renommierten Unternehmen derartige Anthologien zu bestimmten Themenbereichen. In der Strom-und-Wasser-Textsammlung der OVAG finden sich Klassiker wie Joseph von Eichendorff oder Heinrich Heine und es gibt eine Reihe spannender schriftstellerischer Neuentdeckungen wie Kult-Autor Matt Ruff aus New York, der mit einer ungeheuren Fabulierlust ausgestattet ist, oder John von Düffel, der 1999 mit seinem Roman »Vom Wasser« ein fulminantes Debüt feierte.

Die dienstäglichen Boule-Abende sind längst Instanz. Als sich das Frühjahr 2002 rasch in den Sommer verwandelt, schreien die späten Spiel-Abschlüsse nach Erfrischung – ein harter Kern (Martin Bullinger, Thomas Wiederspahn, Alexander Kogge, A. Dielmann) führt das erfrischende Bad im Main unterhalb der Flößer-Brücke ein. Hieraus wird zwei Jahre später die Veranstaltungsreihe »Die Mainschwimmer« ihren Namen beziehen: Lesungen im Main-Pavillon nahe unseres Landungsstegs, wo Andreas Maier, Peter Untucht und Theo Köppen lesen und mit einem hinreißend neugierigen Publikum disputieren werden.

Am 29. Juni 2002 findet das II. Bullinger-Symposion in Rabolshausen statt: Es war schon nach dem zweiten Buch von Martin Bullinger absehbar, daß seine Ästhetik und konzeptionell-erzählerische Strenge kaum Begeisterung bei den Vermittlern zeitgenössischer Literatur, wie sie sich derzeit bietet, erzeugen würde. Nach Erscheinen von schnelle messer hatte es 1999 ein erstes Symposion mit Vorträgen über zeitgemäße Erzähl- und Kunstformen gegeben, allesamt aufgehängt an den Erzähl-Techniken von Bullinger. Nun ein zweites solches Symposion – illustre Runde mit kontroversen Ansätzen und Ausblicken. Und am Ende die Gewißheit, daß systematisch nichts daran zu bewegen sein wird, daß Neuheiten über längere Zeit zunächst in vereinzelten Köpfen ihren Platz haben und schon der Sprung von einem dieser Köpfe in den nächsten schwierige Akrobatik und stures Dranbleiben erfordert.

Im Oktober 2002 erscheint der erste Band einer »Garten-Bibliothek«: eine auf drei Bände geplante Serie mit Literaten im Garten. Band 1 reicht Von Goethe bis Rilke, der Vorstandsvorsitzende von Gardena AG Ulm ist der Herausgeber, Gardena der Sponsor-Partner. – Etliche Lesungen mit verteilten Rollen beginnen, vor allem Karl-Burkhard Haus ist mit von der Partie, im Palmengarten Frankfurt beispielsweise, aber auch zu mehreren wird gelesen, mit Thomas Schwab und Martin Bullinger und an so schönen Orten wie der Werkstatt der Gartenarchitektin Katja Zeller.

Während die Vorbereitungen für Band 2 Von Rilke bis heute anfangen, beschließt Gardena, den Band 1 in einer zweiten großen Auflage zu ordern: Eine Schachtel, in der eine neue Rosenschere zusammen mit dem Buch in den großen Garten-Märkten angeboten werden soll – und so ist die Reihe ETIKETT zu Weihnachten erneut in großer Stückzahl unterwegs und macht Lust auf Neu-Lektüre von Klassikern wie auf Entdeckungen verschollener Autoren.

Ende des Jahres gibt der Verlag die Auslieferung seiner Bücher, die bislang vom Verlag aus direkt an bestellende Buchhandlungen verschickt worden waren, an die Auslieferungsfirma SOVA in Frankfurt ab. Die Zeitschrift LISTEN war hier bereits bei deren Übernahme durch den Verlag ausgeliefert, und die neue Kooperation schafft Zeitkontingente für inhaltliche und konzeptionelle Verlagsarbeit. Und sie professionalisiert die Belieferung mit den entstehenden Büchern.

Hermann, der Roman eines um 1950 Geborenen, der die Nachkriegs-BRD als kleines Kind, das Wirtschaftswunder als Junge erlebt, dann mit den 68ern durch seine Jugend rauscht und in der Folge an der Gestaltung der Gesellschaft seinen Anteil versucht und schließlich zur interessanten Generation der heute Mittfünfziger gehört – der vielleicht einzigen Generation, die ein durchgehendes Arbeitsleben in relativ guter Grundversorgung und ohne (aktive Teilnahme an einem) Krieg erleben durfte.

Sein Autor: Detlef Berentzen, selbst Kind und Promoter der 68er Folgezeit. Er hat Lust auf viele Veranstaltungen, gemeinsam wird ein buntes Treiben an Lesungen und Auftritten angezettelt. Der Erfolg bleibt leider bescheiden. Das Feuilleton hält den Roman für zu realistisch, die Zeitgeist-Redaktionen wollen jüngere Themen, und insgesamt ist noch immer die Darstellung und Hinterfragung von Lebenswegen und ganzen Gesellschafts-Clustern auf den Zustand von Kindheit hin nicht von Interesse.

Die Tournee macht dennoch Spaß, Bielefeld, Frankfurt (im Foto: Buchhandlung Ypsilon), Berlin, Bad Soden und andere Städte. Mit von der Partie ist immer »Hermanns Roller«, der einerseits (im Buch als Vignetten) dem Künstler Joern Schlund aus Münster zu danken ist, als echter Holzroller für Publikumsgeschenke und Requisite von der Firma Lünnemann Holzformat in Recke gesponsort wurde. Dazu gibt es die Tournee-Box mit Süßigkeiten für das geneigte Publikum; denn Hermanns Großvater, der Nachkriegs-Schokoladen-Vertreter, weiß es: Schokolade geht immer! Und ebensowenig darf der echte DUAL-Plattenspieler fehlen, auf dem der Verleger die passenden Songs zu den Lebensaltern des Hermann einspielen darf: Rio Reiser, Pink Floyd ...

2003: Zehnjähriges

Der Verlag feiert sein 10jähriges Bestehen! – Wieder einmal sind allerdings im ersten Halbjahr die Mittel knapp geworden, so daß nicht wirklich mit Pauken und Trompeten gefeiert wird. Leider sieht es insgesamt dürftig aus in der Buchbranche:

Die Zahl der Buchhandlungen, die das Verlagsprogramm pflegen, die grundsätzlich in der Lage und bereit sind, Literatur auch eigenwilliger Autoren zu bevoraten, sinkt weiter und weiter, das Gejammer über darniederliegende Wirtschaft und die Sorgen um den erreichten Wohlstand im Land ist groß, es scheint der Antipol zu jenen 70er und 80er Jahren erreicht, in denen mit Kultur und Kulturpolitik etwas zu bewegen war. Die Event-Kultur greift mehr und mehr um sich, die wichtigsten offiziellen Literatur-Veranstalter kaprizieren sich immer weiter auf den Mainstream, das Arrivierte oder per Werbung und Preise-Karussell Vorverkaufte wird verstärkt, alles andere fällt aus.

(Ist es vernünftig, derlei so offen und der geneigten Öffentlichkeit einsehbar aufzuschreiben in einer »Firmengeschichte« – die doch immerhin Werbung für die »Produkte« machen soll und das Gelingen der Unternehmung vorführen muß, statt Zweifel aufkeimen zu lassen? – Ja. Denn es geht nicht um Defätismus! Und die Liebe zur Sache, zum Buch und zur Literatur, zu eigenwilligen Ästhetiken und besonderen Autoren-Köpfen darf getrost außer Frage stehen! Sie bilden den einen Bilanzposten einer Kultur-Unternehmung. Das andere, ebenso solide Kapital stellt das entschlossene Festhalten an diesen Werten und die konsequente bis sture Präsentation dieser Werte dar. Aber die Bedingungen von Kultur, die Voraussetzungen von kulturellen Leistungen sollen ruhig mitgedacht werden, wenn von ihrer Entstehung und Distribution die Rede ist – und diese Bedingungen sind mitunter die eines Entwicklungslandes!)

Um so nötiger freilich ist es, Kultur nicht (nur) als Wandschmuck in Unternehmenszentralen und als Image-Event ablaufen zu lassen, Literatur nicht zur gelangweilten Alternative zu »Mager-TV« bereitzuhalten – sondern nach dem Wichtigen, dem Originären, dem Bewegenden zu fahnden und es den, wie wenigen auch immer, Lesern anzubieten.

Hiervon ist auch Karl-Burkhard Haus überzeugt – und er wird Mitte 2003 Gesellschafter des Verlages. Und es kommt Bewegung in das Jahr. Im Mai war der 80ste Geburtstag des Soziologen Nicolaus Sombart zu feiern, zu welchem Anlaß sein Essay unter dem Titel Die Frau ist die Zukunft des Mannes / Aufklärung ist immer erotisch erscheint. Der Berliner Soziologe Frithjof Hager ist Herausgeber des knapp 400 Seiten dicken Bandes, in dem Sombart von den nach wie vor höchst wirkungsmächtigen männerbündlerischen Strukturen in unserer Gesellschaft seine Ableitungen trifft. – Die Zusammenarbeit mit Frithjof Hager wird sich im Folgenden in vielen Gesprächen anregend fortsetzen.

Nach dem Appetit-Happen geruch der liebe mit 6 Roman-Auszügen von Martin Bullinger in der 16er-Reihe und seinerm großformatigen Roman saubande erscheint als schöner Leinenband das unglaublich schwungvolle Buch du bist sex von Bullinger. Wer je sich auf eine Auslotung der Macken und Wunderlichkeiten unseres Erinnerns, der Schönheit von sprachlich widergegebenen Landschaften und den wurzelkrummen Schleichwegen von Verliebtheiten einlassen will, der muß dieses Buch zur Hand nehmen. – Martin Bullinger indes legt die Feder aus der Hand, ist müde von den zahllosen, ergebnislos gebliebenen Versuchen, sein erzählerisches Konzept an den Mann und die Frau, an die Leser zu bringen. Traurig ist dieser Rückzug, aber in seiner Konsequenz – die Martin Bullingers ästhetischer Kompromißlosigkeit in nichts nachsteht – nachgerade bewundernswert. Die Sorge um eine wundervolle literarische Stimme und die Frage danach, was ein kleiner Verlag »wirklich« für neue Autoren und innovative literarische Konzepte erreichen kann, bleiben. Sie bleiben eine dauerhafte Aufgabe!

Spät entsteht die Homepage, die Vorläuferin zu diesen Seiten: Dank an André Schwarz für seine grundlegenden Arbeiten. – Und Dank zugleich an Dr. Regina Roth, Berlin, und an Thomas Kunz, Darmstadt, für die Neugestaltung und mächtige Erweiterung der aktuellen Homepage. Man macht sich, wie immer, wenn es um Oberfläche und »Content« und zudem um Gestaltungsfragen geht, keine Vorstellungen von dem, was an Mühen im Hintergrund notwendig ist: Danke! – Und Danke! an Claudia Franz für die wochenlange Friemelei am Rohmaterial!

Ebenfalls zu einem weiteren schönen Titel führt die nun schon über 10 Jahre währende Zusammenarbeit mit Thomas Schwab: Er hat einmal mehr einen Text entdeckt, der verlockend scheint, beim Maler Paul Gauguin, welchem Thomas Schwab schon allein wegen der gemeinsamen Reise-Ziele in der Südsee nahe ist.

Mit Kleckserklatsch übersetzt Thomas Schwab einen bissigen Essay, den Gauguin ein Jahr vor seinem Tod über die Kunstkritiker seiner Tage schrieb – man muß sich ansehen, wie weit das aktuell geblieben ist!

Die Ideen sind wie die Träume eine Ansammlung mehr oder minder geformter Dinge oder geahnter Gedanken. Weiß man genau, woher sie stammen? Das wird im Museum für Moderne Kunst Frankfurt (MMK) im Rahmen einer Lesung aus dem 16er-Bändchen erörtert, die Thomas Schwab und das MMK und der Verlag am 100sten Geburtstag von Paul Gauguin veranstalten:

Das Kunstwerk wird nur erschaffen,
um erschaffen zu werden.

Zur Messe erscheint Band 2 der Literaten im Garten. Und dann macht der Messestand 2003 Furore: Eine Diagonal-Wand verläuft durch den 8 Meter langen Stand, in sie eingelassen ein bodentiefes Fenster à la Herbertstraße Hamburg-Sankt Pauli – es läßt in ein Boudoir blicken, ganz mit rotem Samt ausgeschlagen, darin ein Leopardensessel (Dank an Karin und Karl-Burkhard Haus in Bad Homburg) als Thron für die Edel-Hure Trixie Hübschmann!

Der Puff der Buchmesse

Dieses rote Plüsch-Bordell im Stand gleich neben den Kollegen vom DuMont Literatur-Verlag bringt uns die Nominierung zum »Schönsten Stand der Buchmesse« ein – die dann von der Messeleitung zurückgezogen wird, weil der Stand mutmaßlich von einem Messebauer aufgerichtet worden sei – dabei war dieser Stand vollständig Handarbeit von Caro Forkel, Elke Roth-Dielmann, Alex Fuß (jetzt Böttcher), Karl-Burkhard Haus, Martin Petrus und Axel Dielmann. Ehrensache! Offen gesprochen war dies ist eine der miesesten Enttäuschungen, die man der liebenswerten Mann- und Frauschaft am Stand (und es gibt sogar fotographische Belege für den Eigenbau!) hatte antun können.

Daß alle oben Genannten sich die weitere Freude an den Reaktionen des Publikums auf den Stand und an der Wahrnehmung der präsentierten Bücher dennoch nicht vermiesen ließen, spricht für die großartige Begeisterung, mit der sie diese Messe begleitet und bereichert haben! – Und apropos: Alle zu nennen, die je bei diesen Messen mit am Stand waren, und das heißt auch, alle Praktikantinnen und Praktikanten, die im Verlag gearbeitet haben, bislang rund 70, würde den hiesigen Rahmen sprengen. Aber ein herzliches Dankeschön soll ihnen allen hier gesagt sein!

Allerdings wirft sich angesichts des Buches Hinter den Wolken ist der Himmel blau von Trixie Hübschmann (und Karl-Heinz Schmidt-Lauzemis als Herausgeber) die Frage auf, inwieweit es wirklich lohnt, jedenfalls für einen kleineren Verlag lohnen kann, »Publikumstitel« – im Sinne von Büchern mit marktgängig anmutenden, aktuellen Themen – zu versuchen. Denn eingedenk des mächtigen Aufwands bei der Plazierung von Trixie Hübschmann in diversen Talkshows blieben die Verkaufszahlen letztlich doch relativ bescheiden. Es scheint entschieden vernünftiger, die vorhandene Kraft und die überschaubaren Mittel auf das zu werfen, worum es eigentlich geht: auf die Literatur. (Womit nichts gesagt ist gegen Trixie Hübschmanns Buch, das in seiner ungeschminkten Direktheit und Offenheit in der Erzählung einer sehr besonderen Lebenswelt und -weise unbedingt lesenswert ist und bleibt.)

Der 6. November 2003 ist einer der Tage, an denen langjährige Mühen belohnt werden: Olaf Velte erhält für seine Gedichte aus Ein Kragen aus Erde in Dortmund den Förderpreis der Deutschen Schiller-Stiftung. Wulf Kirsten hält die Laudatio. Mit Olaf Velte werden Ror Wolf und Christa Reinig ausgezeichnet. – In den gemeinsamen Gesprächen mit Olaf Velte nähert er sich der Idee, ähnlich wie zu Grabbe eine Erzählung über Eduard Mörike zu schreiben, der im nächsten Jahr seinen runden Geburtstag hat. Zwar darf man sich Mörike im Gegensatz zu Trunkenbold Grabbe als eher über-beschauliche Figur vorstellen, der Olaf Veltes großem Talent zur Gestaltung von hoch intensiven Momenten wenig rauschhaftes Leben zu bieten vermag – aber die ländliche Verwurzelung von Mörike reizt Velte, die Sturheit des Lyrikers Mörike über alle Lebenswidrigkeiten hinweg ist eine Gemeinsamkeit, die etliche Wesensverschiedenheiten beiseiteschiebt. Neben mir sitzt einer, der sich Mörike nennt, stellt Velte einmal fest.

Im Januar 2004 verläßt Dr. Wolfgang Jahrreiss, Vorstandsvorsitzender der Gardena AG und unser Herausgeber der Garten-ETIKETTen, das Unternehmen – und damit kippt die erfolgreiche Garten-Bibliothek. – Während in Feuilletons und unter Autoren immer wieder einmal gefürchtet wird, daß der Haken an Literatur-Sponsoring der mögliche Einfluß von Unternehmen auf die literarischen Texte sei, ist der eigentlich Schwachpunkt daran ein ganz anderer: Nämlich die Tatsache, daß in den relevanten Unternehmen (für die von der Größe her gesehen Sponsoring eine sinnvolle und nützliche Maßnahme darstellt) die Persönlichkeiten zu schnell wechseln! Zwar ist es für ein Unternehmen und sein Management schon zeitlich gar nicht zu leisten, in Texten herumzuredigieren; dafür aber geht die Identifikation mit Literatur stets über einzelne »Köpf« in einem Unternehmen – und wenn die rollen oder sich anderweitig fortbewegen, ist es oft mit der Identifikation vorbei. – Bei zunehmender Hektik und Fluktuation bis Unruhe in der Wirtschaft, ist dies ein schweres Handicap für Literatur-Sponsorships und die Reihe ETIKETT. Und die steigenden Rotationsgeschwindigkeiten im Personalkarussell sind insgesamt ein Todesurteil für alles, was da gelegentlich arg fahrlässig als »Unternehmens-Kultur« bezeichnet wird. – Um so erfreulicher die Unternehmen, in denen wirkliche Kultur vorherrscht. Und vielleicht ist die zu dünne Identifikation mit der unterstützten Literatur in den Unternehmen (und das heißt letztlich unter den Mitarbeitern der Firmen) auch eine Herausforderung an die »Sponsor-Nehmer«: In dem Sinne nämlich, daß IN den Unternehmen ebenso Veranstaltungen und Präsentationen der Bücher und Autoren vorgenommen werden müßten wie bei den Kunden der Unternehmen. Kulturgüter, das gilt es wohl zu lernen, müssen nachhaltig implementiert werden, bevor sie reichweitig distribuiert werden können, Ästhetik muß innen angekommen sein, bevor sie nach draußen eingesetzt werden kann …

Ein freudvoller Ausgleich zum eingebüßten Band 3 der Literaten im Garten erscheint im Januar mit dem Buch Treibgut / Warmzeit – Prosa von Wolfgang Haak, der zusammen mit Wulf Kirsten und einigen anderen Künstlern und Schriftstellern in Weimar eine Oase an kulturellem und intellektuellem Austausch betreibt. Hier soll schlicht Wolfgang Haaks Heringbude empfohlen werden, die am Seiten-Ende hiesiger »Töpfe« im Grundriß zu besuchen ist.

Ebenfalls im Frühjahr 2004 erscheint Sibylle Nicolais Roman Wer wählt, wird Millionär. Eine rund 2 Zentimeter dicke Pressemappe wächst und über ein Dutzend Fernsehauftritte vermitteln die im Buch satirisch geschilderten Auswüchse von Wahlkampfmaßnahmen und Absurditäten von Politikerstrategien.

Erstmals ist der Verlag im März 2004 mit einem eigenen Stand auf der Leizpiger Buchmesse vertreten. Imke Bunge, die für ein Jahr lang ein Volontariat im Verlag absolviert, und Karl-Burkhard Haus sind mit in Leipzig, die Pension Stüwe gibt uns freundliches Quartier – das gleichwohl wenig genutzt wird: An jedem der Messe-Abende gibt es im Internet-Café »Magapon« eine Nacht-Lesung, denn um 22.30 Uhr lesen an den drei Abenden Ewart Reder, Wolfgang Haak und Trixie Hübschmann. Mit jeweils über 100 Gästen ein schöner Erfolg.

Am 11. März die gruselige Nachricht, daß zwei Tage zuvor Tarek Dzinaj, der lebenslustige Erzähler von müde, auf einem Flug von Istanbul zurück nach Frankfurt an einem Herzversagen gestorben ist. Keine schöne Aufgabe, einen Nachruf zu schreiben. Aber es gilt: An den Autor des Romans »müde« und zahlreicher vergnüglich skurriler Erzählungen als an »Dr. med. Tarek Dzinaj« zu denken, ist fast ungebührlich seriös: Wer den Autor Tarek Dzinaj in einer Lesung erleben konnte, die er vorzugsweise mit dem Gitarristen Georg Krostewitz (Frankfurt) absolvierte, der wird auch erlebt haben, wie seine Lustigkeit anstecken konnte: Mindestens einmal kam er in jeder Lesung an eine Stelle, in deren burleske Komik er sich lesend so hineinsteigerte, daß er schier nicht weiterlesen konnte vor Lachen. Ein keckerndes Lachen, das sich zügellos ins Lauthalse steigern konnte. Er schaute dann gerne fragend in sein Publikum, verblüfft, wenn man seine Belustigung über die Schrullen seiner Figuren nicht sogleich teilen wollte. Wenn er aber schließlich weiterzulesen fähig war, dann ging dies eben doch nicht – weil das Publikum sich inzwischen so sehr von seinem Lachen und Kichern hatte anstecken lassen, daß für Minuten kein Vorankommen mehr war.

Seine ersten Prosatexte druckten die ihm seit Jugendtagen befreundeten Herausgeber der Zeitschrift »Büch(n)er« ab. Parallel schrieb er an Episoden über eine fetzige Clique deutsch-türkischer Jugendlicher, die ihren Schabernack zwischen Istanbul und Frankfurt trieben – Erzählungen, die noch nicht das Cliché der kurz darauf unter dem Label »Kanaksprach« erfolgreich gewordenen türkisch-deutschen Literatur nutzten. Tarek Dzinaj hatte vielmehr hellste Freude an jenen Eigenwilligkeiten seiner lebenshungrigen Figuren, die von den generellen Befremdlichkeiten provoziert werden, wie sie offenbar jedes Individuum gegenüber der es umgebenden Gesellschaft empfinden muß. Diese Episoden faßte er schließlich in seinem Roman »müde« zusammen.

Tarek Dzinaj war nach einer Kinderkrankheit schief gewachsen, eher klein, aber »ein Kerl mit ziemlich breitem Kreuz«, würde er wohl gesagt haben. Den Schalk hatte er vielleicht in so großem und gewinnendem Ausmaß in seinen Augen, weil er den Moment erster Begegnungen mit ihm zu überbrücken gelernt hatte, der bei vielen aus Betretenheit aufgrund seiner Behinderung einerseits, Verunsicherung über seine kräftige Statur andererseits kam. Man durfte den Eindruck haben, daß es ihm eine diebische Freude machte, Menschen mit seinem Lachen und seiner Freundlichkeit zu gewinnen. Und er hat viele gewonnen. Und er ist uns schmerzlich verloren.

Am 10. Mai 2004 richten die zwölf Frankfurter Publikumsverlage zusammen mit dem Schauspiel Frankfurt im Schauspielhaus den ersten »Langen Tag der Bücher« ein: Von 11 Uhr bis 23 Uhr präsentieren die Verlage im Stundentakt der Reihe nach etwas aus ihrem aktuellen Programm. – Um ein bißchen mehr, als nur einen Titel zum Zuge kommen zu lassen, lesen wir eine Text-Collage von und mit Thomas Schwab, Olaf Velte und Jack London, vertreten durch A. Dielmann. Da die Veranstaltung auf den Muttertag fällt, sind die collagierten Textauszüge solche, die die Stimmen von Müttern wiedergeben. Ein voller Saal mit 120 Gästen lauscht gebannt der Mutter von Mörike (O. Velte) und Jack Londons Delinquent Darryl Standing (aus »Die Zwangsjacke«) und Thomas Schwabs Südsee-Müttern (»Seligenstadt – Papeete«, noch unveröffentlicht).

Im September findet in Frankfurt das 2. Literatur-Festival statt. Der Verlag richtet dazu die 1. Literarische Schnitzeljagd durch Frankfurt ein: Gegen geringe Startgebühr kann man einen rätselhaft vorgegebenen Parcours durch die Stadt bewältigen und dabei Fragen an und zu Orten und Plätzen der Frankfurter Literatur- und Kultur-Geschichte lösen. In den Kategorien »zu Fuß« und »auf Rädern« werden zuletzt die ersten 10 Zieleinläufer/innen, die alle Fragen richtig beantwortet, alle Rätsel klug gelöst haben, mit Buchgeschenken und feinen Abend-Essen belohnt. – Eine mächtige Gaudi, und ein reizvoller neuer Blick auf die Stadt am Main und ihre Geschichte – und vor allem, anders als bei Dirnfellners »Bitterblue / Frankfurt, literarisch«, ein begeistert und neugierig teilnehmendes Frankfurter Publikum.

Marie-Luise Schwarz-Schilling wird mit Ihrem thesenreichen Buch Die Ehe – Seitensprung der Geschichte Autorin des Verlages. Am 18. September wird das Buch in der Vertretung des Saarlandes beim Bund in den Ministergärten Berlin vor großem Publikum im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Claudia Roth, MdB, mit Claudia Henne vom RBB Kultur Radio und Kultursoziologe Eike Gebhardt vorgestellt. – Es folgt eine lange Serie von Lesungen und Diskussionsveranstaltungen mit Marie-Luise Schwarz-Schilling. Als Archäologin, Unternehmerin und Politikerin stellt sie das gar nicht so alte, gar nicht so einzigartige Prinzip Ehe auf den Prüfstand, hält historische Alternativen dagegen, entdeckt die Herkünfte und Ausprägungen anderer Modelle des paarweisen Zusammenlebens und wägt Möglichkeiten des Kinderaufziehens in nicht-ehelich geprägten Gemeinschaften ab. Über ein Podiumsgespräch mit HR-Redakteurin Ulrike Holler schreibt der Kreis-Anzeiger Büdingen: Die Ehe ist keine anthropologische Konstante, sie entsprach dem politischen Willen einer bestimmten Epoche der Weltgeschichte ... In der Tat führt das Buch von den steinzeitlichen Sippenordnungen, in denen es keine Herrschaft durch sexuelle Kontrolle gab, zur Revolution der Patriarchen mit der Ehe als Resultat. Deutlich wurde, daß die Sippe von den Paarungspartnern unabhängig war und Frauen als Sammlerinnen weitgehend autark in der Nahrungsbeschaffung waren, während Männer sich mit Fleischgaben immer wieder Zugang in die Frauensippe verschafften. Frauen hätten in der Sippe dominiert, sie hätten den Ackerbau erfunden oder die Tiere domestiziert. Verehrt worden sei damals die Große Mutter als Ahnin des ganzen Stammes … Die Frage, warum schließlich die frauendominierte Sippe unterging, beantwortete Schwarz-Schilling damit, daß sich durch Kriege das Machtgefüge in die Kriegergruppen verlagerte.

Kurz vor dem 200sten Geburtstag von Eduard Mörike wird Olaf Veltes Erzählung Neben mir einer, der sich Mörike nennt fertig. Das Buch hat einen eigenwilligen, von Martin Noz wiederum schönst gestalteten Schutzumschlag, der eine Neuerung des Verlages darstellt:

Die Erfindung der Schwäbischen Klappenbroschur

Mit der Anmutung eines Hardcovers mit Vor- und Nachsatzblatt hat der Schutzumschlag des schlanken broschierten Bandes jeweils zwei Laschen, das ein Panorama nach einem Landschaftsbild von Felix Hollenberg in Breitwand ziert, also nicht schwäbisch knauserig, eher opulent, und unbedingt zur Feier des Schwaben Mörike.

Und Olaf Velte – seinerseits so stur wie die Verhältnisse der Literaturproduktion zäh sind – findet allmählich seine Fürsprecher und zaghaft die Anerkennung, die seiner unaufgeregten und poetisch präzisen Arbeit gerecht wird. In der FAZ vom 25.10.2004 hört sich dies nach einer Lesung im Hessischen Literaturforum Frankfurt so an:

Ein Landwirt, der dichtet? … Mit Naturgedichten, die unter dem Titel Ein Kragen aus Erde vor vier Jahren im axel dielmann – verlag erschienen sind, mit einer Erzählung zum 200. Geburtstag des rebellischen Dramatikers Christian Dietrich Grabbe vor drei Jahren und einer weiteren über jenen unglücklichen Dichter im Pfarrock, dessen 200. Geburtstag erst ein paar Wochen zurückliegt: Eduard Mörike. ... Die Deutsche Schiller-Stiftung hat ihn voriges Jahr mit ihrem Förderpreis ausgezeichnet, und das Land Hessen schickt ihn jetzt mit dem Moldau-Stipendium ins Böhmische Krummau. ... Velte hat sich offenbar auf die Lücken in den offiziellen Biographien der Schriftsteller kapriziert. Also erzählt er von einem Mörike, der sich 1829, also am resignativen Wendepunkt seines Lebens, mit Wanderhirten vor einem drohenden Unwetter in eine Schafshalle der Schwäbischen Alb flüchtet. ... Aber es geht Velte gar nicht um das Stopfen litetarurhistoriographischer Lücken. Er gräbt vor allem in alten Sprachschichten, um verschollene Wörter zutage zu fördern und eine lexikalische Kluft aufzureißen zwischen der schwäbischen Scholle von dazumal und dem Stadtpflaster des heutigen Literaturbetriebs. Das gelingt ihm ohne anakreontisches Geklingel, ohne Blut-und-Boden-Pathos. Wie bei Peter Huchel und Johannes Bobrowski sind seine Gedichte und seine lyrische Prosa wohl geerdet, nur nicht märkisch oder sarmatisch, sondern im Taunus.

Zur Frankfurter Buchmesse 2004 erscheint Kirsten Kühlkes Romankapriole Der Moana Effekt. Kirsten Kühlke, 1965 geboren, hatte nach einigen regionalen Literaturpreisen den Allegra-Literaturpreis 2003 gewonnen, Thomas Wiederspahn hatte den Kontakt hergestellt. Ihr Roman-Debüt ist sicher eines der vergnüglichsten Bücher, die im Verlag erschienen sind und es dabei auf subtile Weise in sich haben: Ich liebe das Mäandern, sagt Kirsten Kühlke anläßlich eines Interviews zu einer Lesung, das Wuchern, Schäumen und Schlingen von Worten, von Sätzen, und ich glaube altmodisch sogar an die berauschenden Möglichkeiten von mehreren Nebensätzen. Wir haben im Deutschen Unmengen herrlicher Worte, nehmen wir sie zur Abwechslung auch mal in den Mund respektive aufs Papier. (…) Am schönsten ist es, wenn einen die Sprache wegträgt. Oder um Pessoa zu zitieren: Die Literatur ist die angenehmste Art, das Leben zu ignorieren.

Ein neuer Überraschungserfolg stellt sich ein, aufgrund einer eher prosaisch-unliterarischen Leidenschaft von Ferdinand Schmökel, der bislang die LISTEN chefredigiert hatte: Ferdi Schmökel betreibt auf seinem Dachspeicher eine Carrera-Rennbahn, wie er bei seinem 45sten Geburtstag gesteht. Die Besichtigung läßt nicht nur einen vierspurig ausgebauten Speicher bestaunen, sondern auch Ferdis Plan einer kleinen Ratgeber-Reihe für »Slot-Car-Fans«, so der Szene-Name der Bahnen, offenbar werden.

Etliche Gespräche ergeben rasch, daß hier eine mächtige Fan-Gruppe tobt, und so entstehen die ersten beiden Bändchen von Ferdis Garage / Slotcar Themenhefte.

Das Ganze findet so prächtigen Anklang, daß nach Der Einsteiger und Die alte Universal (ein Klassiker der Carrera-Bahnen – wer mehr wissen will und wem der Reglerdaumen zuckt, der muß unter www.ferdis-garage.de nachsehen: Gib Gummi!) rasch ein dritter Band Neue Autos für die alte Universal hergestellt werden muß – hoch lebe das Nischenprodukt!

 

 

 

Thomas Wiederspahn gibt das Buch Briefe an M. heraus: Die Auseinandersetzung der französischen Künstlerin Patricia Boulay mit ihrer Aktmalerei und -zeichnung. In der Maaschanz, dem feinen französischen Restaurant von Bruno Laufenberger am Mainufer, findet am letzten Messe-Tag die Premiere statt.

Kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember, ist Marie-Luise Schwarz-Schilling bei Sandra Maischberger in der Talkshow. Zwar ist gegen die Lieblichkeiten und lächelnde Problemferne des telegenen Ehepaares Paola und Kurt Felix kaum mit kritischen und historischen Erwägungen anzukommen; aber M.-L. Schwarz-Schilling plaziert mit Nachdruck ihre zentralen Überlegungen.

Ausblicke aus dem Erker

Und zum Jahreswechsel 2004 / 2005 erscheint Ullas Erwachen von Schauspielerin, Rundfunk-Autorin, Sprecherin und nun auch literarischer Autorin Kornelia Boje. Hält die Schauspielerei Einzug im Verlag? – Nein, ein höchst vielschichtiger Roman hat das Verlagsprogramm bereichert und wird seine Leser reicher machen, die ihm zahlreich zu wünschen sind: Kornelia Boje machte viele Karrieren, berichtet das Darmstädter Echo im Mai 2005 – als Fotografin, als Synchronsprecherin und -regisseurin, als Autorin von Hörspielen und Features. Jetzt hat Kornelia Boje ihren ersten Roman geschrieben: »Ullas Erwachen« flicht mehrere Themen ineinander. Eine Fotografin hat ihren russischen Liebhaber und dessen Kumpan erschossen, nachdem die beiden sie entführt hatten. In der Aufarbeitung des Schocks mischt sich die Begegnung mit der Familiengeschichte. Ulla und ihre Mutter teilen ein Geheimnis: die Nazi-Vergangenheit des Vaters wirft noch immer einen Schatten auf die Gegenwart. – Brigitte Reimer urteilt in ihrer Buchbesprechung für die BR2-Sendung Diwan des Bayerischen Rundfunks: Kornelia Boje erzählt ihre Geschichte spannend vom Ende her. Daß man dran bleibt, obwohl man weiß, wie es ausgeht, spricht für dieses Buch.

Die Lesungen aus Ullas Erwachen sind ob der professionellen Lesekunst von Kornelia Boje ein besonderes Vergnügen, das Zuhörer in Frankfurt, Bensheim, Köln, Berlin, dann auch in München und Stuttgart weiteren Städten und genießen können.

Ende Dezember wird auch klar, daß die Liegenschaft Oskar von Miller Straße 18 im nächsten Jahr veräußert und abgerissen werden wird. Der Verlag wird umziehen. Bei einem Einkauf bei Fotohändler Gennrich in der Schweizer Straße kommt ein hinreißendes Büro ins Blickfeld der Umzugspläne, direkt gegenüber vom Eiscafé Milano, zweifellos der ersten gelatten Adresse in der Stadt (Canoli! Unbedingt probieren!) – zwar werden sich die Verhandlungen rund zwei Monate hinziehen, aber dann zieht der Verlag im März 2005 ein zweites Mal um: in die Schweizer Straße 21, 2. OG.

Wenige Wochen nach diesem Umzug, der alle vorhandenen Nerven aufgerieben hat und nur mit der Hilfe liebenswerter Freundinnen und Freunde bewältigt ist, wird der Verlags-Mercedes ein drittes Mal bis unters Dach beladen, Karl-Burkhard Haus ein zweites Mal mit dabei – unterwegs zur Leipziger Buchmesse – Ewart Reders Erzählband Ein und Aus ist erschienen und wird in Leipzig als eines der acht Prosa-Debüts des Bücher-Frühlings mit einer Lesung in der ehrwürdigen Universitätsbibliothek Leipzig geehrt. Zeitgleich erscheinen die Erinnerungen der Frankfurter Abiturklasse anno 1958 um Manfred Rossa und Manfred Walther (Herausgeber) über Mein Kriegsende, das die Generation der Nachkriegskinder ins Auge faßt …

Kurz darauf zeitigt eine der vergnüglichsten und ideenreichsten Kooperationen in der Reihe ETIKETT ein schönes Ergebnis: Zusammen mit der Unternehmensgruppe Melitta und ihrer Marke SWIRL ® entsteht der Band Beute(l)züge durch die Literatur / Keineswegs Abfälliges von Menschen und Müllbeuteln Claudia Franz ist Mit-Herausgeberin des Hardcover-Bandes mit Rückblicken in die Geschichte des »zivilisierten Stoffwechselhaushalts«, die ziemlich verblüffende Propheten und noch verblüffendere gesellschaftliche Blindheiten entdecken lassen …

Zum 80sten Geburtstag von Mikis Theodorakis soll wieder ein Grieche im Programm erscheint: Asteris Kutulas hat drei Bändchen über Theodorakis für die 16er Reihe übertragen. Martin Walser, Jacques Lang, Roger Willemsen und etliche andere Freunde des Komponisten und Politikers haben Vor- und Nachworte beigetragen. – Das Erscheinen der Bändchen verzögert sich dann leider doch – sie kommen demnächst, ergänzt durch eine Komplett-Ausgabe: die drei 16er im Schuber, von Mikis Theodorakis eigenhändig nummeriert und signiert!

Während Martin Bullinger nach zwei Jahren Rückzug vom belletristischen Marktplatz zaghaft ein neues Manuskript (Freude!) ankündigt und bevor die neue Reihe FeierTage monatlich startet erscheint zum vierten Mal Olaf Velte im Programm: Diesmal in einer Zusammenstellung seiner Gedichte mit Radierungen von Vroni Schwegler in einem großformatigen Künstler-Buch, das, von Hand fadengeheftet, den Titel Mengfrucht trägt. Eine der reproduzierten Radierungen von Vroni Schwegler ist der Hase:

Am 2. April 2006 nimmt der Verlag dann zum fünften Mal am Frankfurter Langen Tag der Bücher teil. Im Schauspielhaus diesesmal keine Kollage aus mehreren Büchern und mit mehreren Autoren, sondern Konzentration auf eines: Meinrad Brauns Roman Winterreise wird pünktlich zur Veranstaltung fertig und ausgeliefert. Langsam schreitet unter Meinrad Brauns Lesung der Pathologe August Brenner durch den Sektionssaal im Jahr 1953, auf dessen Obduktionstisch sein ehemaliger Freund liegt, den er seit 20 Jahren nicht gesehen hat – und eine eindrucksvolle Reise entlang Schubertscher Musik beginnt, die Sie vielleicht lesen und verfolgen sollten! – Klar wird bei der Arbeit an der Winterreise auch, daß hier eine vielversprechende Zusammenarbeit begonnen hat – Meinrad Braun flüstert von einem Casanova, der in seiner Schreibtischschublade auf Auferstehung lauere, von einem ziemlich eigensinnigen Abschleppwagenfahrer, der ebendort rangiere …

Kurz danach ist das Lektorat an einem Text von Gertrude Steinscher Sprachverspieltheit zu Ende: Rainer Schneider hatte aus dem erdrückenden Erlebnis einer schweren Tinnitus-Erkrankung einen mächtigen erzählerischen Bandwurm geformt. Unter dem Titel Tinnitus / Mann im Ohr erscheint seine Litanei im späten Mai. – Gleichzeitig ein neuer Gedichtband: Horst Peisker, wuchtiger Haudegen mit balladesk ins Gedicht gewendeter Lebenserfahrung, schließt seinen Band Dillingers Blau ab. Sturen gemeinsamen Bemühungen um Resonanz in den Redaktionen der Feuilletons, aber auch der schier unerschöpflichen Kommunikationslust des Autors Peisker ist es zu danken, daß die Gedichte in kurzer Zeit von der ZEIT in einem Beispiels gedruckt und freundlich empfohlen werden, daß die Neue Zürcher Zeitung den Band von Karl Corino umfassend besprechen läßt und die Frankfurter Rundschau eine kluge Rezension (Jungheinrich) bringt.

Eine ganz andere Freude, die auch beste Aussichten auf wirtschaftliche Effekte bereithält UND eine Autorin beziehungsweise ihr Buch vor dem »Wegrutschen« bewahren könnte: Im Frühjahr 2006 entschließt sich die Filmemacherin Eva Heldmann, das Buch von Patricia Boulay, die »Briefe an M.«, zu verfilmen. Sie zeichnet eine Option auf die Filmrechte. Jubel im Verlag. Und dann noch mehr, denn: Kurz darauf beschließt die Filmförderung Hessen, dieses kühne Film-Projekt zu fördern und gewährt Eva Heldmann ein Drehbuch-Stipendium zu dem Buch, in dem die Künstlerin Boulay von ihren Akt-Zeichnungen und -Gemälden erzählt, die sie anfertigt, nachdem sie sich ihre männlichen Studienobjekte auf der erotischen Wildbahn von Kaffeehäusern und Bistrots, von Parks und Kneipen »aufgerissen« hat … Ein von allen beteiligten Seiten höchst mutiger Entschluß – wir halten die Daumen für die filmische Arbeit, die Eva Heldmann damit bevorsteht.

Unsere Homepage feiert derweil abenteuerliche Besucherzahlen. Wir feilen und schmirgeln das Portal wöchentlich. Besonders erfreulich ist dabei, daß die Online-Version unserer Rezensionszeitschrift LISTEN irrsinnige Gästezahlen hat – nachdrücklichsten Dank an dieser Stelle an André Schwarz und alle unsere nimmermüden, Bücher-versessenen Besprecher! Es macht große Freude, diesen lebendhaften Ort des Austauschs über lohnende und lesenswerte Bücher am Verlag zu haben. Auch wenn E-Mail-Flut manchmal erschlagend ist, ist das eine anfeuernde Bereicherung.

Parallel zu diesen einzelnen Titeln und verschiedenen Büchern aber brodelt im Hintergrund etwas anderes:

Ein großes Thema, ein Brückenschlag

Schon vor zwei Jahren stand in mehreren Diskussionen und Lektoraten das seltsame Phänomen im Raum, daß die allermeisten deutschsprachigen Autoren naturwissenschaftliche und technische Themen meiden, wie der Berühmte … Ganz wenige Autoren gehen inhaltlich mit Themen aus Wissenschaft und Forschung um, selten einmal tauchen Wissenschaftler als Romanfiguren auf, fast nie spielen Romane im Forschungsmilieu. Anders als in den meisten anderen nationalen Literaturen sind diese Themata keineswegs in dem Maße in der hiesigen Literatur vertreten, in dem sie geistesgeschichtlich, kulturell, ja auch wirtschaftlich bedeutsam sind. Wie kommt das?

Wie auch immer es sich motiviert – es wurde immer reizvoller, einen Brückenschlag zwischen den beiden Kulturen (eine Formulierung, die, wie sich herausstellt, C.P. Snow schon in den späten 50ern benutzte, um die hier befaßte Kluft zu bezeichnen) zu versuchen: Literarische anspruchsvolle Romane in einer neuen Reihe zu präsentieren, die sich inhaltlich explizit mit Naturwissenschaftlich-Mathematisch-Technischem befassen. – Schnell wurde dabei klar, daß dies ein mächtiges Projekt sein würde.

Denn durchaus gibt es, im Verborgenen, in den Schubladen, eine Menge spannender Romane und Erzählungen, die beide Kulturen, die wissenschaftliche und die belletristische, miteinander in Kontakt und in Schwingung bringen. Ein seit langem lagerndes, einst unverlangt eingesandtes Manuskript des Erzählers und Genetikers Bernd Ulrich Krippl war über die Jahre nicht nur entwickelt worden, sondern Krippl hatte zwischenzeitlich einen zweiten Roman geschrieben, der wiederum in der Welt der Gentechnik und ihrer Labors spielt: Sein »Harter Fall« wird nun eines der ersten Bücher in der neuen Reihe sein.

Diese Reihe hat den Namen »Die Wissenschafts-Romane« bekommen. Und während ein schöner Fundus an großartigen Romanen deutschsprachiger, aber auch italienischer, französischer, schwedischer, flämischer, amerikanischer, englischer Autoren sich fand, war ein anderer Fundus einzurichten: Ein zweiter Versuch, eine Beteiligungs-Gesellschaft einzurichten, startete. – Diesmal waren, um die Reihe auf zunächst 7 Jahre solide zu kalkulieren und zu betreiben, rund 190.000 Euro Investments einzusammeln. Entsprechend war viel Zeit nicht am Schreibtisch und mit Autoren zu verbringen, sondern bei Venture Capital-Meetings und unter Investoren. Eine recht neue Welt, neue Spielregeln, neue Denkweisen – alles höchst lehrreich, auch oder gerade für den Betrieb einer Kulturfirma, wie ein Literatur-Verlag sie darstellt.

Inzwischen ist ein Drittel der gesuchten Einlagen und eine sympathische Runde von Investoren und Beteiligten zusammengekommen – und die Sache geht demnächst los! (Wenn Sie in sich an dieser Stelle bei Ihnen Investitions-Gedanken oder die Frage nach einer hübschen, weil sowohl inhaltlich als auch finanziell durchaus lohnenden Anlage regen, dann soll Ihre Neugierde gerne auf ein kurzes Mail hin befriedigt werden. Die Business Angels Frankfurt Rhein-Main haben sich interessiert die Beteiligungsmöglichkeiten angehört und ich verspreche, daß die Sache mindestens so viel Spaß abwirft, wie ein Gespräch über Pfandbriefe oder ein Sparbuch! – Neugierig? – Mailen Sie Ihre Neugierde!) – Die bisherigen Vor-Arbeiten am Logo der Reihe zusammen mit der Graphikerin Leonie Bodeving, die Konzeption der Gestaltung (noch einmal: mit Urs van der Leyn aus Basel!) der Bücher für »Die Wissenschafts-Romane«, die Arbeit mit Kornelia Boje als Fotographin an den hinreißend beziehungsreichen Titelbildern für die Bände, die Arbeit mit Steuerberater Michael Milde und Rechtsanwalt Reitzlein am Vertrag für die Beteiligungsgesellschaft, die Gespräche schließlich mit unseren neuen Vertretern Judith Heckel und Stefan Pierre-Louis über die neu einzuschlagenden Vertriebswege der Bücher, die ja zwei Leser-Welten und Buchhandels-Bereiche einfangen sollen und können – all diese war und ist hoch spannend. Und es gibt einen Ausblick auf ein langes, sehr langes Projekt, das mit einer riesigen Themen- und Formenvielfalt und mit verheißungsvollen ästhetischen Herausforderungen an den angestrebten Brückenschlag aufwartet.

Schon hat sich eine schöne Kooperation mit der Stadt Frankfurt am Main angebahnt, die – wie die Rhein-Main-Region insgesamt – sich als Wissens- und Wissenschafts-Region empfehlen möchte; schon auch ist eine regelmäßige Zusammenarbeit mit dem ersten Wissens-Radio Wilantis, Stuttgart, verabredet; schon hat die Wissenschafts-Homepage www.s4frm.de Science for Frankfurt Rhein-Main sich mit dem Projekt verlinkt; die neue Reihe Die Wissenschafts-Romane beginnt ihre Brückenköpfe in die Welt zu schieben …

Kornelia Boje stellt durch ihre beeinduckende Arbeit als Sprecherin auch von Hör-CD-Produktionen einen Kontakt zum Hör-Verlag O.SKAR von Franziska Pörschmann in München her. Es reift der Plan, eine Hör-Version des Romans Ullas Erwachen zum Frühjahr 2007 zu publizieren. Eine schöne Aussicht für den Roman, der bei der Presse sicher kräftigeres Echo verdient hätte – wer ihn hört und hörte bei den Lesungen, war und ist gepackt, und so mag hier die richtige Vermittlungsschiene entstehen, natürlich mit der Stimme der Autorin selbst!

Zwischendurch der große Bauchpinsel: Das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels lädt Axel Dielmann zu seinem berühmten »Fragebogen« ein – zugegeben, Stolz ist zwar eine der Todsünden, aber die daraus entstehende Arbeitseifrigkeit könnte mich vor dem Fegefeuer bewahren …

Im frühen Herbst 2006 entsteht ein Kontakt zu dem Finanzdienstleistungs-Unternehmen Thomson Financial GmbH – schon ein Jahr zuvor war im Gespräch, das erfolgreiche ETIKETT »Ein literarischer Gang an die Börse« mit Thomson neu aufzulegen. Und nun soll es sein: Thomson übernimmt eine neue Sponsoren-Partnerschaft für den Band, setzt ihn auch seinerseits kräftig als Kunden-Geschenk ein. – Damit ist das Buch zum vierten Mal mit einem Partner verbunden, nachdem ursprünglich SAP-Tochter SAPsi zu ihrem Börsengang das Buch nutzte, dann die Commerzbank als Konsortialführer dieses IPOs das Buch ausgab und die Deutsche Börse AG den Band zu Weihnachten 2002 verschenkte. Ein schöner Erfolg für das Buch, für sein anthologisches Konzept und für unsere die Reihe ETIKETT insgesamt!

Im späten September findet in Frankfurt das 3. Literatur-Festival »LiteraTurm« statt. Wir richten erneut die Literarische Schnitzeljagd durch Frankfurt aus: Per Fahrrad oder zu Fuß kann man gegen 3 Euro starten und durch die Literaturgeschichte, diesmal um die Wissenschaftsgeschichte der Stadt ergänzt, spazieren. Schier sprachlos stehen wir am Start – den über 300 Teilnehmer versuchen! – Unser Sponsor, die Frankfurter Sparkasse (einer des hinreißendst bemühten Partner, die wir je unter rund 80 Sponsoren bislang hatten, herzhaften Dank!) hatte uns mit rund 500 Klemmbrettern für die Lösungsnotizen am Weg und mit knallroten Bleistiften für die Teilnehmer ausgestattet (und mit einem erfreulichen Finanzbeitrag natürlich auch …), und so wurden an diesen Insignien die Teilnehmer überall in der Stadt gesichtet – auf der Tour, abseits von der Tour, weit abseits von der Tour … aber alle, alle kamen an, und waren vergnügt. Große und kleine Bücherpakete als Prämien für die schnellsten, die freilich auch die richtigen Lösungen zu den 26 Fragen des Parcours haben mußten. – Schöne nächtliche Gespräche am Rande dieses Literatur-Festivals gabe es darüber in der Bar des Hotel Mercure am Hauptbahnhof, dem Autoren-Treffpunkt der Literaturnächte. Lange Erwägungen mit Alban Nikolai Herbst, der in der BHF-Bank mit Menninghaus über Ästhetik sprach, erhärten einen ab Sommer gereiften Plan: Wir machen wieder einen gemeinsamen Band! Und ja, wieder einen Querschläger, sozusagen, nämlich Herbsts ersten Gedichtband (und schauen Sie ruhig mal genauer hinein, in sein beeindruckendes Netz-Werk): Seine Liebesgedichte werden im Januar 2007 als 16er erscheinen, in deutsch-französischer Ausgabe. Eine feine Volte an den Verlagsbeginn …

Unterdessen ist das zweite Buch von Meinrad Braun lektoriert, die Erzählung eines Abenteuers des Giacomo Casanova im Jahre 1764, das unter dem Titel »Die künstliche Demoiselle« erscheinen wird. Die »Schwäbische Broschur«, die von Urs van der Leyn für Olaf Veltes Mörike-Erzählung erfunden worden ist, wird diesen Band ummanteln. Und Meinrad Braun ist es auch, der mit einer Lesung, einstweilen noch aus der »Winterreise«, eine kühne Veranstaltungsreihe eröffnet: Kühn, weil sie zwei unterschiedliche Genres verbindet, den Dokumentarfilm und die Literatur, und zwar in der Reihe »2 x Deutschlandreise«. Wolf Lindner hatte eine Serie von Film-Abenden vorbereitet, in denen es jeweils einen Film über Deutschland-Selbstbilder gehen sollte, danach immer ein Film-Gespräch. Der neue Umgang mit nationalen Symbolen wie der Deutschlandfahne seit der Fußball-WM 2006 hatte dazu angeregt, 8 Filme über distinkte Aspekte des Landes zu zeigen, darin es um Selbstverständnis und Darstellung Deutschlands gehen sollte. Nun kam die Idee auf, jedem Film ein Buch und seinen Autor an die Seite zu stellen, jedem der acht Filme eine Lesung aus einem Buch unseres Programms voran zu stellen, darin es um ebenfalls ein Bild der Republik gehen sollte. – Meinrad Braun und seine 1953 spielende »Winterreise« durch Deutschland zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunderanfang paßte da fein zu »Wege in der Dämmerung« von Anja Unger, Patricia Boulays »Briefe an M.« kamen neben »Mittendrin« von Marco Wilms zu Gehör, Olaf Veltes Landschaftsgedichte ergänzten »Am Arsch der Welt« von Claus Strigel … Das ganze in der loftigen Atmosphäre des Willi Praml-Theaters in der Frankfurter Naxos-Halle – ein Experiment, das im einzelnen sicher mehr diskursive Tiefe vertragen hätte, aber einen weiteren Ansatz zur Verständigung zwischen den kulturellen Feldern, hier Film und Literatur lieferte.

Weitere Volten, bitteschön!

Derlei Brückenschläge sind denn auch das große Thema während der einstündigen Sendung »Doppelkopf«, zu der Thomas Plaul Axel Dielmann in den Hessischen Rundfunk einlud. Am 11. Oktober wird das Gespräch über »Die Wissenschafts-Romane« und insgesamt über das Verlagsprogramm mittags ausgestrahlt und nachts wiederholt – und bringt eine ungeahnte Flut an sympathischsten Reaktionen und kräftiger Neugierde. Sogar ein weiterer Beteiliger für die neue Reihe meldet sich, und verschiedene Wissenschaftler kommen auf den Verlag zu, um ihre Kooperation anzubieten.

Noch eine Bereicherung bringt das Jahr gegen Ende, nämlich die Ausstellungseröffnung des Malers Harald de Bary am 29. Oktober im Museum Kronberger Malerkolonie: Ausgerechnet da, wo mein Urururgroßvater Jakob Fürchtegott Dielmann zusammen mit Anton Burger im 18. Jahrhundert die Kronberger Malerkolonie gründete, zeigt der großartige Künstler de Bary, der in seiner Malerei seit rund 50 Jahren dem Informel verpflichtet ist, eine Werkschau. Was das mit dem Verlag zu tun hat?

Durch Vermittlung von Beata Koall und der Graphik-Agentur (und Bücherinsel!) von Ulla Bayerl und Werner Ost kommt der Katalog, ach was, das Buch über Harald de Barys (rechts) Werk in den Verlag. Ein prächtiger Band (Mitte), Überformat, 228 Seiten, viele feine Abbildungen, leendig und verführerisch gestaltet von Bayerl & Ost und zweisprachig erzählt, und eine kluge Auseinandersetzung mit der Malerei der Informellen und der Kunst des 20. Jahrhunderts insgesamt, die der Grazer Kunsthistoriker Professor Johann-Konrad Eberlein (links) klug aufbereitet hat. Eine Schönheit im Programm!

Während dies und vieles andere geschieht, schauen wir aus dem immer noch wundervoll zu genießenden Erker über der Schweizer Straße, und schauen all dem entgegen, was da noch kommen mag: an spannenden Autoren, an berauschenden Texten, an mammutösen Büchern, an gehaltvollen Reihen … und wünschen unseren Lesern viel Entdeckerfreude und spannende Lektüre!

(Wie beendete Heinrich von Kleist einst seinen feinen, in unserer 16er Reihe nun in dritter Auflage vorliegenden Essay »Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden«? – Die Fortsetzung folgt! – Ganz bestimmt, bleiben Sie neugierig!)