Karin Gundel im axel dielmann – verlag Frankfurt am Main


Sie ist Soziologin, stammt aus dem Süden, lebt nun in einer Stadt mit vielen Nobelpreisträgern und nicht wenigen miß-vergnügten Menschen.

Lesungen der Autorin


glitzerträume / blau

34 kurze geschichten von 5 Autoren

184 Seiten, 16 Euro

ISBN 978-3-86638-156-8

Mit Reproduktionen von 7 Holzschnitten

 

Einmal im Monat treffen sich fünf Autorinnen und Autoren. Dann diskutieren und lektorieren sie ihre Texte, die sie je zu einem festgesetzten Thema wie »Das erste Mal«, »Die Feier« oder »Rückenwind« verfasst haben. Dann werden Charaktere hinterfragt, Passagen gestrichen, oder es wird ein neuer Schluss gesucht. Manchmal sind sie sich einig – manchmal wird gestritten. Das funktioniert so seit vielen Jahren – vielleicht, weil vorher gemeinsam gegessen wird.  

Nun gibt es das Buch mit 34 kurzen Geschichten. Über die Lust am Essen, über den Zufall, wie er Schicksal spielt, über die Liebe und den Morgen danach. Geschichten auf dem Schützenfest, im nächtlichen Wald und auf Teneriffa. Über eine folgenreiche Laufmasche am Samstag Nachmittag und eine Taufe ohne Pfarrer. Geschichten von einem Gasmann, der zweimal klingelt, einem Professor mit Handschellen und einem Hasen in der Hängematte.

Die Auswahl reicht von Humoresken bis zu klassischen Kurzgeschichten. Sie erzählen Trauriges, Rührendes, Ungutes, Niederträchtiges. Lektüre für eine Viertelstunde – die sich aber für Jahre einbrennt, wenn etwa die Seelennot eines missbrauchten Kindes in der Kippfigur einer sich freischälenden Ich-Erzählung geschildert wird oder ein ganzes Knechtsleben auf vier Seiten voller dörflicher Quälereien und Verhöhnungen gepreßt ist. Die Prosa spannt den Bogen, schlaglichtartig verdichtet, von der winzigen Begebenheit mit seelischer Langzeitwirkung bis hin zum großen historischen Thema.

Die Autoren neben Karin Gundel: Dieter Frankenberg, ehemaliger Physiker, Lyriker, bildender Künstler, von dem bei uns zwei weitere Titel erschienen. Conny Hiller fährt Rennrad, raucht Zigarren, hört die Toten Hosen. Bernd Kühn interessiert sich für Psychoanalyse und kocht außergewöhnliche Marmeladen. Hiltrud Schuch lebt und malt in einem kleinen Fachwerkhaus auf einer Insel im Weserbergland. – Alle fünf haben bereits in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.

Auf dem hiesigen Foto der »Göttinger 5« ist Karin Gundel links stehend zu sehen.

 

Die Titel-Erzählung des Bandes von Karin Gundel:

Glitzerträume

Ramona, den Platz mit dem Zirkuszelt im Rücken. saß auf dem Kotflügel eines senfgelben Borgward Isabella und pfiff leise vor sich hin. Sie hatte einen Arm seitlich aufgestützt und streckte die nackten Beine von sich. Selbstverliebt drehte sie ihre Füße hin und her, die in goldfarbenen Sandalen steckten. Applizierte Strasssteinchen und ein goldenes Fußkettchen blinkten in der Sonne. Dann besah sie sich ihre Fingernägel, die mit dem gleichen grellen Rot lackiert waren wie ihre Fußnägel. Unter der abgeplatzten Farbe zeigten sich Trauerränder.

Sie betrachtete ihr Armband und ging mit dem Zeigefinger die vielen goldenen Freundschaftsanhänger durch. Als sie sich an allem satt gesehen hatte, widmete sie sich ihrem langen, schwarzen Haar. Sie schüttelte es, um es danach mit einer Primadonnengeste hinter die Ohren zu streichen, an denen große, goldene Kreolen sichtbar wurden. Aus ihrem paillettenbesetzten Handtäschchen holte sie eine kleine Parfümflasche und schraubte sie auf. Nachdem sie daran gerochen hatte, benetzte sie ihren Zeigefinger und strich sich Parfüm geziert hinter die Ohren und in die Ellenbeugen.

Dass sie sich wie auf einer Bühne befand und aus der Entfernung beobachtet wurde, wusste sie und genoss es. Sie pfiff lauter, während sie in die Richtung der Zuschauer blickte, einer Gruppe Halbwüchsiger, die sich hinter einem Käfigwagen zusammendrängte. Einige riskierten einen verstohlenen Blick. Einer puffte seinen Nachbarn auffordernd in die Rippen.

„Nun mach’ schon!“

„Nein, du zuerst!“

Die Gruppe näherte sich zögernd, nachdem das Mädchen gerufen hatte:

“Na, ihr Feiglinge, hat’s eure Mama nicht erlaubt?“

„Du – du – du sei mal nich’ so frech!“, rief ein ganz Verwegener, der, die Hände tief in den Hosentaschen, die heranschlendernde Gruppe anführte.

„Ich bin, wie’s mir passt, und wenn’s euch nicht passt, dann könnt ihr ja wieder gehen. Es gibt noch andere, die tun, was ich will. Ich brauch’s bloß zu sagen …!“

Ein Kleiner aus der Gruppe krähte stimmbrüchig:

„Was willst du denn? Dasselbe wie von meinem Bruder vorgestern?“

Überrascht wandten sich die anderen ihm zu. Was wusste der, was sie nicht wussten? Den Finger zu einem „Pschscht!“ auf dem Mund und noch bevor er antworten konnte, rief Ramona:

„Ja, dein Bruder, der hat cojones, von denen ihr nur träumen könnt!“

„Was sind denn das – Kochonnes?“, fragte der Verwegene.

„Na, Eier in der Hose – cojones, das ist Spanisch, damit ihr’s genau wisst“, sagte sie mit einer abschätzigen Handbewegung und fügte, an den Kleinen gewandt, hinzu:

„Dein Bruder hat auch was Schönes davon gehabt, dass er meine Wünsche erfüllt hat.“

Der Verwegene wandte sich wieder dem Mädchen zu.

„Also, was is? Was sollen wir tun?“

Ramona sprang vom Kotflügel herunter und stemmte die Hände in die Seiten.

„Wir? Alle? Na, das wär’ ja noch schöner – alle! Pfff … Nie im Leben – nur einer, ein einziger, und auch nur der, der mir das Teuerste – mit Preisschild! – von Karstadt bringt.“

Sie wandte sich dem Kleinen zu.

„Na, das hat dein Bruder nicht gesagt, dass er für mich geklaut hat: die Sandalen hier für 150 Mark und dieses Parfüm für 80 Mark?“

Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt sie ihm triumphierend das Fläschchen entgegen. Mit der anderen Hand zeigte sie auf die in der Sonne blinkenden Goldsandalen.

Ein Blonder schluckte bei diesen Worten, konnte sich aber trotzdem nicht abwenden.

„Ts, ts, ts … Junge, Junge, das is ja ’n Ding!“

Der Verwegene knurrte: „Für mich kommt das nich in Frage. Macht’s gut. Da verzieh ich mich lieber. Mein Vater ist Polizist und seine Handschrift nich von schlechten Eltern …“

Unentschlossen blieben die Übrigen stehen.

„Na, wer riskiert’s?“, und geheimnisvoll fügte sie hinzu, indem sie dem ihr am nächsten Stehenden viel zu laut ins Ohr flüsterte:

„Ich leg ich auch noch was drauf … bei den Büschen hinter dem Transformatorenhäuschen.“

„Was, ich?“

Der Angesprochene wich zurück und stammelte:

„Ich, ich … muss doch alles beichten … und Ministrant bin ich auch noch.“

„Meine Güte! Da sind die Kerle in Hamburg aber anders! Die haben cojones, das kann man von euch trüben Tassen hier nicht behaupten.“

Sie wollte sich schon abwenden. Da traten gleichzeitig zwei aus der Gruppe hervor. Beide waren voneinander überrascht und grienten sich halb verlegen, halb triumphierend an.

Ramona tänzelte einige Schritte zurück, winkte sie zu sich her und flüsterte:

„Morgen Abend, in der Pause, schau ich mir eure Sachen an, und nach der Vorstellung … der Sieger … na, ihr wisst schon!“

Während sie sprach, näherte sich vom Zeltplatz her ein Mann mit großen Schritten. Er packte ihren Arm, riss sie herum und gab ihr zwei schallende Ohrfeigen rechts und links.

„Du kleine Schlampe, elendes Luder du …“, brüllte er. „Immer der gleiche Ärger mit dir!“

Mit hartem Griff zog er die Widerstrebende mit sich. Dann drehte er sich noch einmal um:
„Und damit das klar ist: Das hinter den Büschen fällt aus!“

Die beiden Bewerber für die geplatzte Sondervorstellung sahen sich an und machten „Pfhhhh …“.